Ein Magnetometer im Oberschnabel aller
Vögel?
Frankfurt - Eisenhaltige kurze Nervenäste
im Oberschnabel dienen offensichtlich ganz unterschiedlichen Vogelarten dazu,
die Stärke des Erdmagnetfeldes zu messen und nicht nur seine Richtung wie ein
Kompass zu bestimmen.
Was die Frankfurter
Neurobiologen Dr. Gerta Fleissner und ihr Mann Prof.Dr. Günther Fleissner
bereits vor einigen Jahren bei Brieftauben entdeckten, können sie jetzt auch
für andere Vogelarten belegen.
In Kooperation mit dem Experimentalphysiker Dr.
Gerald Falkenberg vom DESY Hamburger Synchrotron haben sie die entscheidenden
Eisenoxide charakterisiert, die die Funktion des Magnetometers im Schnabel
steuern. Mit den Nachweismöglichkeiten der Röntgenfluoreszenz im DESY zeigt
sich nun, dass auch die Eisenoxide in den Dendriten unterschiedlicher Vögel
identisch sind; diese Ergebnisse veröffentlichen die drei Wissenschaftler
soeben in dem renommierten interdisziplinären Online-Journal PloS ONE.
"Als wir in den zurückliegenden
Jahren dieses System aus Nervenästen mit den stark magnetischen
Eisenverbindungen in bestimmten Zellpartikeln bei Brieftauben nachgewiesen
haben, warf dies sofort die Frage auf, ob es vergleichbare Dendritensysteme
auch bei anderen Vogelarten gibt", so die Projektleiterin Gerta Fleissner.
Egal, ob Vögel ihre Magnetkarte im Hirn, die von den mehr als 500 Magnetfeldrezeptoren
kodiert wird, zur weiträumigen Orientierung nutzen oder nicht - die Anlagen
sind sowohl bei Zugvögeln wie Rotkehlchen und Grasmücke als auch bei
Haushühnern vorhanden.
"Dieser Befund ist erstaunlich, weil die
untersuchten Vögel eine sehr unterschiedliche Lebensweise haben und vielfältige
Orientierungsaufgaben lösen müssen: Brieftauben, die geübt sind, von
unterschiedlichen Auflassorten zum Heimatschlag zurück zu finden,
Kurzstreckenzieher wie das Rotkehlchen, Langstreckenflieger wie die Grasmücke
und ortstreue Vögel wie die Haushühner", erklärt Gerta Fleissner.
Um diesen Beweis anzutreten, haben die
Wissenschaftler Tausende von Vergleichsuntersuchungen und -messungen
vorgenommen: Zunächst wird dazu das Gewebe des Oberschnabels mikroskopiert und
untersucht, wo sich in dem Gewebe eisenhaltige Substanzen befinden,
anschließend vergleichen die Forscher diesen histologischen Befund mit den
Ergebnissen der physikochemischen Analysen.
Für diese aufwändigen Studien mit
hochauflösenden topografischen Röntgenstrahlen wurde das Synchrotronlabor
(Hasylab) am DESY in Hamburg eingesetzt. "Der Schnabel kann hier mit
speziellen Röntgenstrahlen zerstörungsfrei untersucht werden, um genau
herauszufinden, wo die stark magnetischen Eisenverbindungen in den Dendriten
sitzen und wie sie im Detail zusammengesetzt sind", erläutert Gerta
Fleissner und betont, dass sie ohne die DESY-Kooperation mit dem
Experimentalphysiker und strahlenphysikalischen Projektleiter Falkenberg diesen
Durchbruch nicht hätten erreichen können.
Das von den Eisenverbindungen lokal
verstärkte Magnetfeld regt die Dendriten der Nervenzellen an, wobei jeder
dieser vermutlich mehr als 500 Dendriten jeweils nur eine Richtung des
Magnetfelds kodiert. Diese Informationen werden an das zentrale Nervensystem im
Kopf des Vogels weitergeleitet und bilden die Basis für die Magnetkarte, die
letztendlich die Orientierung im Raum ermöglicht.
Ob die Möglichkeiten dieser
Magnetkarte nun ausgeschöpft werden, hängt von der Motivation der jeweiligen
Vogelart ab, die z.B. bei den Zugvögeln zur Zeit der Zugunruhe deutlich stärker
ausgeprägt ist als zu anderen Jahreszeiten, wie von der Frankfurter
Arbeitsgruppe um Prof. Wolfgang Wiltschko, dem Entdecker der Magnetwahrnehmung
bei Vögeln, in vielfältigen Verhaltensversuchen gezeigt werden konnte.
Die
Zusammenarbeit mit diesem Forscherteam hat auch deutlich machen können, dass
der Magnetkompass und die Magnetkarte vermutlich auf unterschiedlichen
Mechanismen beruhen und an anderer Stelle lokalisiert sind: Der Magnetkompass
liegt im Auge und das Magnetometer für die Magnetkarte im Schnabel.
"Die nun vorliegenden Befunde können
auch die alten Mythen über eisenbasierte Mechanismen und Strukturen zur
Magnetrezeption an beliebigen Stellen im Körper wie Blut, Gehirn oder Schädel
widerlegen und stattdessen ein solides Methodenkonzept liefern, mit dessen
Hilfe auch in anderen Organismen Magnetrezeptorsysteme aufgefunden werden
können", freut sich Günther Fleissner.
Ihre eindeutig reproduzierbaren
Daten liefern die Basis für künftige Versuchsreihen, die die vielen bislang
noch unbekannten Schritte zwischen der Magnetfeldwahrnehmung und deren Einsatz
als Navigationshilfe aufklären sollen.
Die Untersuchungen, die jetzt
veröffentlicht sind, wurden gefördert durch zwei Frankfurter Stiftungen, die
Stiftung Polytechnische Gesellschaft und die Alfons und Gertrud
Kassel-Stiftung, sowie durch das ZEN-Programm der Hertie-Stiftung, durch die
Freunde und Förderer der Goethe-Universität und die Deutsche
Forschungsgemeinschaft. Die aufwändigen Messungen im HASYLAB ermöglichte die
Helmholtz-Gemeinschaft. (idw)
Quellenangabe: Proplanta
® | 01.03.2010
www.proplanta . de
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