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Waldzustandsberichte, Wirtschaftsforste und echte Urwälder
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 Waldzustandsberichte, Wirtschaftsforste und echte Urwälder

  •     Waldzustandsberichte werden in Politik und Öffentlichkeit häufig als Spiegelbild der „Gesundheit unserer Wälder“ verstanden. Doch dieser Eindruck führt nicht selten in die Irre. 

Tatsächlich basieren viele dieser Berichte überwiegend auf der Analyse von Beständen, die nur bedingt den Begriff „Wald“ im ökologischen oder historischen Sinn verdienen. Stattdessen handelt es sich bei großen Teilen der erhobenen Flächen um Wirtschaftsforste – menschengemachte, intensiv genutzte Holzerzeugungsräume, die sich deutlich von natürlichen Waldökosystemen unterscheiden.

Wirtschaftsforste – vom Menschen geformte Landschaften

Wirtschaftsforste sind auf ein zentrales Ziel ausgerichtet: die Produktion von Holz in möglichst kalkulierbaren Zeiträumen. Um diese Planung zu ermöglichen, wurden viele Bestände über Jahrzehnte hinweg in Monokulturen überführt oder stark vereinfacht strukturiert. Fichten- oder Kiefernreinbestände, aber auch junge Laubholzkulturen, prägen vielerorts das Bild.

Solche Wälder besitzen mehrere charakteristische Merkmale:

  •     Geringe Arten- und Strukturvielfalt: Gleichaltrige, eng gepflanzte Bäume reduzieren die ökologischen Nischen für Tiere, Pilze und Pflanzen.

  •     Hohe Vulnerabilität: Monokulturen reagieren empfindlich auf Störungen wie Trockenheit, Stürme oder Schädlinge, da ihnen die Resilienz natürlicher Mischwälder fehlt.

  •     Gesteuerte Dynamik: Eingriffe wie Durchforstungen, Pflanzungen oder Bodenbearbeitungen bestimmen wesentliche Entwicklungsphasen.

  •     Zeitlich fixierte Nutzung: Die Umtriebszeiten dienen der Holzernte und nicht der natürlichen Entwicklung des Ökosystems.

Waldzustandsberichte spiegeln daher oft den Zustand eines forstwirtschaftlichen Systems, nicht den eines ökologisch gewachsenen Waldes. Wenn Baumkronen auflichten oder Bäume absterben, wird dies häufig als „Waldschaden“ interpretiert – obwohl es in naturbelassenen Wäldern ein völlig normaler Prozess wäre.

Was echte, unberührte Wälder ausmacht

Ein vom Menschen unberührter Wald – häufig als Urwald, Primärwald oder Naturwald bezeichnet – ist etwas grundlegend anderes als ein Wirtschaftsforst. Er entsteht nicht durch Pflanzung oder Bewirtschaftung, sondern durch Jahrhunderte bis Jahrtausende spontaner Entwicklung.

Solche Wälder zeichnen sich durch folgende Eigenschaften aus:

  •     Große Altersvielfalt: Junge Bäumchen, ausgewachsene Bäume und uralte Giganten existieren gleichzeitig.

  •     Totholz in allen Formen: Liegendes und stehendes Totholz ist kein „Schadensbild“, sondern ein ökologisches Herzstück, das unzähligen Arten Habitat bietet.

  •     Keine linearen Wachstumsphasen: Der Wald entwickelt sich in kleinteiligen, dynamischen Zyklen von Zerfall, Regeneration und Stabilisierung.

  •     Hohe Biodiversität: Unberührte Wälder zählen zu den artenreichsten Ökosystemen überhaupt – nicht trotz, sondern wegen ihrer Wildnisprozesse.

  •     Selbstregulation: Stürme, Insektenkalamitäten oder Pilzausbrüche sind keine Katastrophen, sondern integrale Bestandteile der natürlichen Entwicklung.

  •     Mehrdimensionale Struktur: Lichtungen, Schattensäume, Baumriesen, Kleinsträucher, Moospolster, Moderholz und mikroskopische Lebensräume bilden ein komplexes Mosaik.


Solche Wälder sind in Mitteleuropa extrem selten geworden. Die wenigen verbliebenen Urwaldreste – etwa in streng geschützten Kernzonen großer Nationalparks – zeigen jedoch eindrucksvoll, wie widerstandsfähig und vielfältig Wald sein kann, wenn er sich selbst überlassen bleibt.

Warum dieser Unterschied für die Bewertung von Wäldern entscheidend ist

Waldzustandsberichte bewerten in erster Linie das „Funktionieren“ von Wirtschaftsforsten unter modernen Umweltbedingungen. Wenn Fichtenreinbestände wegen Trockenheit kollabieren, zeigt das nicht, dass „der Wald stirbt“, sondern dass unsere forstwirtschaftlichen Modelle an klimatische Grenzen stoßen.

Ohne dieses Verständnis entstehen mehrere Missverständnisse:

  •     Natürliche Prozesse werden als Katastrophen bewertet.

  •     Der Eindruck entsteht, Wald müsse „aufgeräumt“ oder „gesund gepflegt“ werden.

  •     Politische Maßnahmen orientieren sich eher an Ertragszielen als an ökologischen Notwendigkeiten.

  •     Die Bevölkerung erhält ein verzerrtes Bild davon, was ein gesunder Wald überhaupt ist.


Was echte Wälder für uns bedeuten

Naturbelassene Wälder haben einen Wert, der weit über den wirtschaftlichen Nutzen hinausgeht:


  •     Sie speichern langfristig Kohlenstoff im Boden und im Totholz.

  •     Sie bieten Rückzugsräume für seltene und spezialisierte Arten.

  •     Sie wirken wie ökologische Stabilitätsanker im Klimawandel.

  •     Sie zeigen, wie resiliente Ökosysteme funktionieren – ein Wissen, das wir dringend brauchen.

  •     Sie besitzen eine kulturelle, ästhetische und spirituelle Bedeutung, die sich nicht quantifizieren lässt.

  •     Unberührte Wälder sind lebende Archive natürlicher Abläufe – und Blaupausen für die Wälder der Zukunft.


Warum wir mehr Naturwald und weniger Missverständnisse brauchen


Ein modernes Waldverständnis muss unterscheiden, welchen Wald wir betrachten: den menschengemachten Produktionswald oder den natürlichen Wald in seiner ursprünglichen Form.

Je klarer diese Unterscheidung kommuniziert wird, desto besser lassen sich folgende Ziele erreichen:

  •     realistischere Waldzustandsbewertungen

  •     wirksamere Strategien zur klimaangepassten Waldentwicklung

  •     mehr Akzeptanz für Naturprozesse, die früher als „Schäden“ galten

  •     langfristiger Schutz letzter Urwaldreste

  •     die Wiederentstehung von Naturwäldern durch konsequente Prozessschutzflächen


In der Aufnahme 
  •     Wirtschaftsforst der häufig als Wald bezeichnet wird.

Stand 22.11.2025