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Neujahr 2026 – Im Gesicht des Waldes
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 Neujahr 2026 – Im Gesicht des Waldes

  •     Der erste Morgen des Jahres 2026 brach langsam an. Ein fahles Licht legte sich über den Wald, als taste es sich vorsichtig voran, unsicher, ob es hier noch willkommen war. 

Der Frost hielt den Boden fest umklammert, und zwischen den Stämmen lag eine Stille, die nicht friedlich war, sondern abwartend. Als hätte der Wald etwas verloren, das er noch nicht benennen konnte.
Auf einer Lichtung, die gestern noch keine gewesen war, stand ein einzelner Baumstumpf. Der Schnitt war glatt, zu glatt für etwas, das Jahrhunderte getragen hatte. Die Jahresringe lagen offen wie Seiten eines aufgeschlagenen Buches, jede Linie ein Sommer, ein Sturm, ein Überleben. In diesen Linien formte sich ein Gesicht – nicht scharf, nicht eindeutig, aber unübersehbar. Zwei dunkle Schatten, wo einst Äste waren, wirkten wie müde Augen. Ein feiner Riss zog sich durch das Holz wie ein schwerer Gedanke. Der Baum schien zu schauen. Und er schien zu fühlen.

Er erinnerte sich an Zeiten, in denen der Wald kein Objekt war. Damals, als Wurzeln noch miteinander sprachen und Pilzgeflechte Geschichten weitertrugen. Als Insekten die Luft füllten und Vögel nicht nur flogen, sondern den Takt vorgaben. Der Wald war kein Besitz, sondern ein Gefüge. Kein Wirtschaftsraum, sondern ein lebender Körper.

Doch dieser Körper stand unter Druck. Maschinen kamen näher, immer präziser, immer leiser. Verträge entschieden über Fällungen, lange bevor ein Mensch den Duft von Harz wahrnahm. Holz wurde zu Zahlen, der Wald zu Fläche. Effizienz schnitt tiefer als jede Axt.

Es gab Schutzgebiete, Pufferzonen, Konzepte mit guten Absichten. Sie versprachen Balance, doch sie wirkten oft wie Pflaster auf einer offenen Wunde. Sie schützten, was bereits isoliert war, und nannten es Erfolg. Sie ließen Schneisen entstehen und nannten sie Kompromiss. Biodiversität aber ließ sich nicht einfrieren, nicht verwalten, nicht ersetzen. Sie brauchte Verbindungen, Unordnung, Geduld.

Ein Käfer kroch über die Schnittfläche des Stumpfes, tastete die fremde Glätte ab und verschwand wieder im Boden. Ein Vogel setzte an zum Landen, entschied sich anders und zog weiter. Der Wald lernte, dass selbst seine Stimmen vorsichtiger wurden.

Am Rand der Lichtung stand ein Schild. Darauf das Bild des Baumstumpfes, aus der Vogelperspektive aufgenommen. Das Gesicht im Holz war darauf noch deutlicher zu erkennen – nachdenklich, fast fragend. Darunter ein leerer Raum. Gedacht für eine Unterschrift. Noch unberührt.

Diese Leerstelle schien schwerer zu wiegen als jedes Wort. Denn eine Unterschrift bedeutete Verantwortung. Sie bedeutete, sich zu bekennen – nicht nur zum Schutz einzelner Bäume, sondern zum Erhalt des Ganzen. Sie verlangte mehr als Konzepte: Haltung, Mut und den Willen, wirtschaftliche Grenzen neu zu denken.

Als die Sonne höher stieg, wanderte ihr Licht über den Stumpf. Die Maserung begann zu leuchten, als trüge das Holz noch Wärme in sich. Für einen flüchtigen Moment wirkte das Gesicht weniger traurig, mehr lauschend. Als wartete es darauf, gehört zu werden.

Der Wald atmete flach. Doch er atmete noch.
Und irgendwo zwischen Jahresringen und Zukunft lag die Frage, ob dieses neue Jahr der Anfang eines wirklichen Schutzes sein könnte – oder nur ein weiteres Kapitel im stillen Verschwinden.

Aufnahme von Dieter Zinßer

  •     Ein Gesicht des Wirtschaftswaldes 

Stand
  • 01/02.01.2026