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Schilfgras und Rohrkolben
Schilfgras und Rohrkolben
Zwischen Wasser, Wind und Zeit – Eine Geschichte von Schilfgras und Rohrkolben
Am Rand eines Sees, dort wo das feste Land langsam im Wasser verschwindet, beginnt der Tag leise. Noch liegt Nebel über der Oberfläche, und nur das Rascheln der Halme verrät, dass dieser Ort voller Leben ist. Hier wächst das Schilf – hoch, dicht und beweglich im Wind. Seine Halme stehen eng beieinander, als hätten sie sich verabredet, dem Wasser gemeinsam zu begegnen.
Seit vielen Jahren wurzelt das Schilf an diesem Ufer. Seine unterirdischen Ausläufer halten den weichen Boden fest, auch wenn der Wasserspiegel steigt oder fällt. Wenn Wellen gegen das Ufer laufen, brechen sie sich zuerst an den Halmen. Was dahinter liegt, bleibt geschützt. Vögel haben hier ihre Nester verborgen, Insekten nutzen die Stängel als Rastplätze, und unter der Wasseroberfläche finden junge Fische Schutz zwischen den Wurzeln.
Ein paar Schritte weiter, wo das Wasser etwas tiefer steht, wächst der Rohrkolben. Er ragt aus dem See empor, kräftig und aufrecht. Seine langen Blätter schneiden Linien in die Luft, und in der Mitte trägt er die dunklen Kolben, die ihm seinen Namen geben. Während das Schilf flächig wächst und ganze Ufer säumt, steht der Rohrkolben oft in lockeren Gruppen, lässt Raum zwischen sich und dem Wasser.
Schilf und Rohrkolben kennen sich gut. Sie teilen denselben Lebensraum, doch ihre Aufgaben sind verschieden. Das Schilf hält fest, was bleiben soll. Der Rohrkolben bereitet vor, was sich verändern darf.
Der Herbst bringt Bewegung
Wenn der Sommer langsam vergeht und das Licht flacher wird, verändert sich etwas am Rohrkolben. Seine Kolben, die den ganzen Sommer fest und geschlossen waren, beginnen sich zu öffnen. Was nun sichtbar wird, wirkt fast unscheinbar: feiner, heller Flaum, verborgen in tausendfacher Wiederholung.
Es sind die Diasporen des Rohrkolbens – winzige Samen, jeder ausgestattet mit feinen Haaren. An einem windigen Tag genügt ein sanfter Stoß, und der Kolben gibt sie frei. Lautlos steigen sie auf, tragen sich selbst davon. Manche schweben nur wenige Meter, andere werden hoch getragen, über das Schilf hinweg, über den See hinaus.
Ein Teil der Diasporen landet im Wasser, treibt eine Weile und sinkt dann langsam ab. Andere bleiben an feuchten Ufern hängen oder setzen sich dort fest, wo das Wasser gerade zurückgewichen ist. So findet der Rohrkolben neue Orte, an denen er wachsen kann – manchmal weit entfernt von seinem Ursprung.
Das Schilf bleibt zurück. Seine Samen fallen meist in der Nähe zu Boden, seine Kraft liegt im Ausbreiten unter der Erde, nicht im Reisen durch die Luft. Doch das stört es nicht. Es weiß: Wo der Rohrkolben neues Land vorbereitet, kann später auch Schilf wachsen.
Ein wachsendes Geflecht
Dort, wo sich Rohrkolben neu ansiedeln, verändert sich der Ort langsam. Das Wasser wird ruhiger, Schlamm setzt sich ab, erste Pflanzen keimen. Bald entsteht wieder ein Übergang zwischen Wasser und Land. Das Schilf folgt oft später, breitet seine Rhizome aus und verdichtet den Boden.
So entstehen Röhrichte – lebendige Grenzräume. Sie sind weder ganz Wasser noch ganz Land, sondern etwas Drittes: ein beweglicher Lebensraum. In ihm wechseln die Bedingungen ständig, und genau darin liegt seine Stärke.
Veränderung als Teil der Geschichte
Doch die Landschaft verändert sich schneller als früher. Manche Sommer bringen wenig Regen, das Wasser zieht sich zurück. Andere Jahre bringen plötzliche Fluten. Ufer werden befestigt, Gräben gezogen, Feuchtgebiete entwässert.
Das Schilf spürt diese Eingriffe deutlich. Wo das Wasser dauerhaft fehlt oder der Boden verdichtet wird, kann es sich nicht halten. Der Rohrkolben reagiert flexibler. Seine Diasporen finden neue Wege, neue Standorte – manchmal auch dort, wo andere Pflanzen keinen Platz mehr haben.
Der Klimawandel verstärkt diese Unterschiede. Längere Trockenperioden, häufigere Starkregenereignisse und steigende Temperaturen verändern die Bedingungen in Feuchtgebieten. Manche Bestände werden verschwinden, andere sich ausbreiten. Welche Pflanzen bleiben, hängt davon ab, wie viel Raum das Wasser noch bekommt.
Ein offenes Ende
Am Seeufer raschelt das Schilf weiter im Wind. Der Rohrkolben hat seine Samen längst freigegeben. Einige von ihnen sind vielleicht schon angekommen, an Orten, die heute noch unscheinbar wirken.
Die Geschichte von Schilfgras und Rohrkolben ist keine abgeschlossene. Sie ist ein fortlaufender Prozess – geschrieben vom Wasserstand, vom Wind und von den Entscheidungen des Menschen. Wo Feuchtgebiete erhalten oder wiederhergestellt werden, werden beide Pflanzen auch in Zukunft ihren Platz finden.
Und dort, wo sie wachsen, bleibt das Ufer lebendig.
In der Aufnahme von Dieter Zinßer
Am Rand eines Sees, dort wo das feste Land langsam im Wasser verschwindet, beginnt der Tag leise. Noch liegt Nebel über der Oberfläche, und nur das Rascheln der Halme verrät, dass dieser Ort voller Leben ist. Hier wächst das Schilf – hoch, dicht und beweglich im Wind. Seine Halme stehen eng beieinander, als hätten sie sich verabredet, dem Wasser gemeinsam zu begegnen.
Seit vielen Jahren wurzelt das Schilf an diesem Ufer. Seine unterirdischen Ausläufer halten den weichen Boden fest, auch wenn der Wasserspiegel steigt oder fällt. Wenn Wellen gegen das Ufer laufen, brechen sie sich zuerst an den Halmen. Was dahinter liegt, bleibt geschützt. Vögel haben hier ihre Nester verborgen, Insekten nutzen die Stängel als Rastplätze, und unter der Wasseroberfläche finden junge Fische Schutz zwischen den Wurzeln.
Ein paar Schritte weiter, wo das Wasser etwas tiefer steht, wächst der Rohrkolben. Er ragt aus dem See empor, kräftig und aufrecht. Seine langen Blätter schneiden Linien in die Luft, und in der Mitte trägt er die dunklen Kolben, die ihm seinen Namen geben. Während das Schilf flächig wächst und ganze Ufer säumt, steht der Rohrkolben oft in lockeren Gruppen, lässt Raum zwischen sich und dem Wasser.
Schilf und Rohrkolben kennen sich gut. Sie teilen denselben Lebensraum, doch ihre Aufgaben sind verschieden. Das Schilf hält fest, was bleiben soll. Der Rohrkolben bereitet vor, was sich verändern darf.
Der Herbst bringt Bewegung
Wenn der Sommer langsam vergeht und das Licht flacher wird, verändert sich etwas am Rohrkolben. Seine Kolben, die den ganzen Sommer fest und geschlossen waren, beginnen sich zu öffnen. Was nun sichtbar wird, wirkt fast unscheinbar: feiner, heller Flaum, verborgen in tausendfacher Wiederholung.
Es sind die Diasporen des Rohrkolbens – winzige Samen, jeder ausgestattet mit feinen Haaren. An einem windigen Tag genügt ein sanfter Stoß, und der Kolben gibt sie frei. Lautlos steigen sie auf, tragen sich selbst davon. Manche schweben nur wenige Meter, andere werden hoch getragen, über das Schilf hinweg, über den See hinaus.
Ein Teil der Diasporen landet im Wasser, treibt eine Weile und sinkt dann langsam ab. Andere bleiben an feuchten Ufern hängen oder setzen sich dort fest, wo das Wasser gerade zurückgewichen ist. So findet der Rohrkolben neue Orte, an denen er wachsen kann – manchmal weit entfernt von seinem Ursprung.
Das Schilf bleibt zurück. Seine Samen fallen meist in der Nähe zu Boden, seine Kraft liegt im Ausbreiten unter der Erde, nicht im Reisen durch die Luft. Doch das stört es nicht. Es weiß: Wo der Rohrkolben neues Land vorbereitet, kann später auch Schilf wachsen.
Ein wachsendes Geflecht
Dort, wo sich Rohrkolben neu ansiedeln, verändert sich der Ort langsam. Das Wasser wird ruhiger, Schlamm setzt sich ab, erste Pflanzen keimen. Bald entsteht wieder ein Übergang zwischen Wasser und Land. Das Schilf folgt oft später, breitet seine Rhizome aus und verdichtet den Boden.
So entstehen Röhrichte – lebendige Grenzräume. Sie sind weder ganz Wasser noch ganz Land, sondern etwas Drittes: ein beweglicher Lebensraum. In ihm wechseln die Bedingungen ständig, und genau darin liegt seine Stärke.
Veränderung als Teil der Geschichte
Doch die Landschaft verändert sich schneller als früher. Manche Sommer bringen wenig Regen, das Wasser zieht sich zurück. Andere Jahre bringen plötzliche Fluten. Ufer werden befestigt, Gräben gezogen, Feuchtgebiete entwässert.
Das Schilf spürt diese Eingriffe deutlich. Wo das Wasser dauerhaft fehlt oder der Boden verdichtet wird, kann es sich nicht halten. Der Rohrkolben reagiert flexibler. Seine Diasporen finden neue Wege, neue Standorte – manchmal auch dort, wo andere Pflanzen keinen Platz mehr haben.
Der Klimawandel verstärkt diese Unterschiede. Längere Trockenperioden, häufigere Starkregenereignisse und steigende Temperaturen verändern die Bedingungen in Feuchtgebieten. Manche Bestände werden verschwinden, andere sich ausbreiten. Welche Pflanzen bleiben, hängt davon ab, wie viel Raum das Wasser noch bekommt.
Ein offenes Ende
Am Seeufer raschelt das Schilf weiter im Wind. Der Rohrkolben hat seine Samen längst freigegeben. Einige von ihnen sind vielleicht schon angekommen, an Orten, die heute noch unscheinbar wirken.
Die Geschichte von Schilfgras und Rohrkolben ist keine abgeschlossene. Sie ist ein fortlaufender Prozess – geschrieben vom Wasserstand, vom Wind und von den Entscheidungen des Menschen. Wo Feuchtgebiete erhalten oder wiederhergestellt werden, werden beide Pflanzen auch in Zukunft ihren Platz finden.
Und dort, wo sie wachsen, bleibt das Ufer lebendig.
In der Aufnahme von Dieter Zinßer
- Schilfgras im Frühwinter
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Schilfgras und Rohrkolben















