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Die Wiederherstellung der Natur: Warum Europa jetzt handeln muss
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Die Wiederherstellung der Natur: Warum Europa jetzt handeln muss
Die Wiederherstellung der Natur: Warum Europa jetzt handeln muss
Die Wiederherstellung der Natur: Warum Europa jetzt handeln muss
Europa erlebt gegenwärtig eine der größten Herausforderungen seiner Umweltgeschichte. Während die Folgen des Klimawandels zunehmend sichtbar werden, vollzieht sich gleichzeitig eine zweite Krise, die oft weniger Aufmerksamkeit erhält: der fortschreitende Verlust der biologischen Vielfalt. Arten verschwinden, Lebensräume schrumpfen oder verschlechtern sich, und viele Ökosysteme verlieren ihre Fähigkeit, die Leistungen zu erbringen, von denen Menschen seit Jahrhunderten profitieren.
Die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur stellt den Versuch dar, dieser Entwicklung entgegenzutreten. Ihr Ziel ist nicht allein der Schutz verbliebener Naturräume. Vielmehr geht es darum, bereits geschädigte Ökosysteme wieder in einen besseren Zustand zu versetzen und natürliche Prozesse zu stärken. Dieser Ansatz beruht auf einer einfachen Erkenntnis: Naturschutz kann langfristig nicht erfolgreich sein, wenn sich die Politik ausschließlich auf die Bewahrung weniger verbliebener Rückzugsräume beschränkt. Wo Natur bereits erheblich beeinträchtigt wurde, müssen aktive Maßnahmen ergriffen werden, um ihre Funktionsfähigkeit zurückzugewinnen.
Die Verordnung markiert deshalb einen bedeutenden Wandel. Erstmals verpflichtet sich die Europäische Union, die Wiederherstellung von Natur nicht nur als freiwilliges Ziel zu betrachten, sondern als konkrete gesellschaftliche Aufgabe.
Das stille Verschwinden der Arten
Viele Menschen verbinden Artensterben mit exotischen Tieren in fernen Regenwäldern. Tatsächlich findet der Verlust biologischer Vielfalt jedoch direkt vor unserer Haustür statt. Wer heute durch viele Landschaften Deutschlands geht, erlebt eine Natur, die auf den ersten Blick durchaus intakt erscheinen kann. Felder werden bewirtschaftet, Wälder stehen weiterhin in der Landschaft, und vielerorts sind Vögel und Insekten zu beobachten. Doch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen seit Jahren, dass hinter diesem Eindruck oft ein tiefgreifender Wandel verborgen liegt.
Besonders deutlich wird dies bei den Insekten. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass viele Insektengruppen erhebliche Bestandsrückgänge verzeichnen. Schmetterlinge, Wildbienen und andere Bestäuber sind vielerorts seltener geworden. Für viele Menschen bleibt dieser Wandel zunächst unsichtbar. Doch Insekten bilden die Grundlage zahlreicher Nahrungsketten und übernehmen zentrale Aufgaben in Ökosystemen. Sie bestäuben Pflanzen, zersetzen organisches Material und dienen unzähligen Vogel-, Amphibien- und Säugetierarten als Nahrung.
Wenn Insekten verschwinden, bleiben die Folgen nicht auf einzelne Arten beschränkt. Ganze ökologische Netzwerke geraten unter Druck.
Auch viele Vogelarten der offenen Kulturlandschaft haben in den vergangenen Jahrzehnten dramatische Rückgänge erlebt. Das Rebhuhn, einst ein charakteristischer Bewohner der Feldflur, ist in vielen Regionen selten geworden. Ähnliches gilt für den Kiebitz, dessen Bestände vielerorts eingebrochen sind. Selbst Arten, die früher als alltäglich galten, stehen heute unter erheblichem Anpassungsdruck.
Der Verlust biologischer Vielfalt bedeutet dabei nicht nur das Verschwinden einzelner Arten. Oft gehen gleichzeitig genetische Vielfalt, ökologische Wechselwirkungen und die Stabilität ganzer Lebensgemeinschaften verloren. Ökosysteme werden dadurch anfälliger gegenüber Störungen und verlieren ihre Fähigkeit, auf Veränderungen zu reagieren.
Deutschland ist stärker betroffen, als viele vermuten
Deutschland verfügt über zahlreiche Schutzgebiete, Nationalparke und Naturschutzprogramme. Dennoch zeigen viele Indikatoren, dass sich der Zustand zahlreicher Lebensräume weiterhin in keinem günstigen Zustand befindet.Besonders betroffen sind Moore. Über Jahrhunderte wurden große Flächen entwässert, um sie land- oder forstwirtschaftlich zu nutzen. Dadurch gingen nicht nur einzigartige Lebensräume verloren. Auch enorme Mengen Kohlenstoff, die über Jahrtausende im Moorboden gespeichert wurden, gelangen als Treibhausgase in die Atmosphäre.
Ähnlich problematisch ist die Situation vieler Flüsse und Auen. Zahlreiche Gewässer wurden begradigt, kanalisiert oder durch Querbauwerke verändert. Natürliche Überschwemmungsflächen gingen verloren, und viele Arten verloren wichtige Lebensräume.
Auch artenreiche Wiesen zählen heute zu den am stärksten gefährdeten Lebensräumen Mitteleuropas. Wo früher eine große Vielfalt von Blütenpflanzen vorkam, dominieren heute häufig wenige konkurrenzstarke Arten. Mit dem Rückgang der Pflanzenvielfalt gehen wiederum zahlreiche Insektenarten verloren. Diese Entwicklungen sind nicht das Ergebnis einer einzelnen Ursache. Vielmehr wirken verschiedene Faktoren zusammen: intensive Flächennutzung, Zerschneidung von Lebensräumen, Schadstoffeinträge, Klimawandel, invasive Arten und der Verlust naturnaher Strukturen.
Warum die Natur mehr ist als eine schöne Kulisse
In politischen Debatten wird Naturschutz gelegentlich als Luxusproblem dargestellt. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz.
Intakte Ökosysteme bilden die Grundlage zahlreicher Leistungen, die für moderne Gesellschaften unverzichtbar sind. Sauberes Trinkwasser, fruchtbare Böden, natürliche Bestäubung, Hochwasserschutz und die Speicherung von Kohlenstoff hängen unmittelbar von funktionierenden Naturhaushalten ab. Ein Moor beispielsweise ist weit mehr als eine Ansammlung nasser Flächen. Es speichert Wasser, bindet Kohlenstoff und bietet hochspezialisierten Arten einen Lebensraum. Wird ein Moor entwässert, gehen diese Funktionen weitgehend verloren.
Ähnliches gilt für naturnahe Flusslandschaften. Sie können Hochwasser aufnehmen, Wasser zurückhalten und Lebensräume für zahlreiche Arten bereitstellen. Werden Flüsse hingegen stark reguliert, steigt häufig das Risiko extremer Hochwasserereignisse flussabwärts. Gesunde Ökosysteme wirken daher wie eine natürliche Infrastruktur. Anders als technische Bauwerke erfüllen sie mehrere Funktionen gleichzeitig und können sich teilweise selbst erhalten. Ihre Wiederherstellung ist deshalb nicht nur eine Investition in die Natur, sondern auch in die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.
Die Verbindung zwischen Artenkrise und Klimakrise
Die Klima- und Biodiversitätskrise werden häufig getrennt betrachtet. Tatsächlich sind beide eng miteinander verknüpft.
Der Klimawandel verändert Temperatur- und Niederschlagsmuster, verschiebt Lebensräume und erhöht den Druck auf zahlreiche Arten. Gleichzeitig schwächt der Verlust biologischer Vielfalt die Fähigkeit von Ökosystemen, Kohlenstoff zu speichern und sich an Veränderungen anzupassen. Ein artenreicher Wald reagiert oft robuster auf Trockenheit, Stürme oder Schädlingsbefall als ein ökologisch verarmtes System. Wiedervernässte Moore können erhebliche Mengen Kohlenstoff langfristig binden. Naturnahe Küstenökosysteme schützen vor Sturmfluten und Erosion.
Wer die Klimakrise bekämpfen möchte, kommt deshalb an der Wiederherstellung der Natur nicht vorbei. Ebenso wenig lässt sich die Biodiversitätskrise ohne wirksamen Klimaschutz lösen.
Was die EU-Verordnung erreichen soll
Die Verordnung zur Wiederherstellung der Natur verfolgt das Ziel, geschädigte Ökosysteme schrittweise zu verbessern. Dazu gehören unter anderem Maßnahmen in Wäldern, Mooren, Flüssen, Meeresgebieten und Agrarlandschaften. Dabei geht es nicht darum, jede menschliche Nutzung auszuschließen. Europa ist seit Jahrhunderten eine Kulturlandschaft. Viele wertvolle Lebensräume sind sogar erst durch traditionelle Formen der Landnutzung entstanden. Die Verordnung verfolgt daher grundsätzlich das Ziel, ökologische Verbesserungen mit nachhaltiger Nutzung zu verbinden.
Im Mittelpunkt steht die Wiederherstellung ökologischer Funktionen. Wo Gewässer durchgängig gemacht werden, können Fische wieder wandern. Wo Moore wiedervernässt werden, verbessern sich Wasserhaushalt und Klimaschutz. Wo Hecken, Blühflächen oder strukturreiche Landschaftselemente gefördert werden, profitieren zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Die Verordnung ist somit weniger als Rückkehr in eine vermeintlich unberührte Vergangenheit zu verstehen, sondern vielmehr als Investition in widerstandsfähige Landschaften der Zukunft.
Warum es auch kritische Stimmen gibt
Eine ausgewogene Betrachtung muss anerkennen, dass die Umsetzung solcher Ziele nicht ohne Herausforderungen erfolgt.
Landwirte, Forstbetriebe, Kommunen und andere Flächennutzer stehen häufig vor komplexen wirtschaftlichen Entscheidungen. Maßnahmen zur Wiederherstellung von Natur können Flächen binden, zusätzliche Kosten verursachen oder bestehende Bewirtschaftungskonzepte verändern.Diese Bedenken sind legitim und verdienen eine sachliche Diskussion. Erfolgreicher Naturschutz entsteht selten durch Konfrontation. Langfristig tragfähige Lösungen erfordern Kooperation, verlässliche Rahmenbedingungen und angemessene finanzielle Unterstützung.
Gleichzeitig sollte berücksichtigt werden, dass auch der fortgesetzte Verlust biologischer Vielfalt erhebliche Kosten verursacht. Sinkende Bestäuberzahlen, Bodendegradation, Hochwasserschäden oder klimabedingte Belastungen können wirtschaftlich und gesellschaftlich weitreichende Folgen haben.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Wiederherstellungsmaßnahmen Kosten verursachen. Die entscheidende Frage ist vielmehr, welche Kosten entstehen, wenn auf solche Maßnahmen verzichtet wird.
Eine Verantwortung gegenüber kommenden Generationen
Die heutige Generation verfügt über ein wissenschaftliches Wissen über Umweltveränderungen, das früheren Generationen nicht zur Verfügung stand. Wir wissen heute deutlich genauer, wie Ökosysteme funktionieren, welche Folgen Artenverluste haben und welche Risiken mit der fortschreitenden Verschlechterung natürlicher Lebensgrundlagen verbunden sind.
Daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung.
Die Wiederherstellung der Natur ist keine romantische Idee und kein Versuch, gesellschaftlichen Fortschritt zurückzudrehen. Sie ist eine rationale Antwort auf die Erkenntnis, dass dauerhaft funktionierende Gesellschaften auf dauerhaft funktionierende Ökosysteme angewiesen sind. Die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur bietet die Chance, den gegenwärtigen Negativtrend umzukehren. Ob diese Chance genutzt wird, hängt letztlich von politischen Entscheidungen, ausreichenden Ressourcen und der Bereitschaft zur Zusammenarbeit ab.
Fest steht jedoch: Das Artensterben wartet nicht auf günstigere politische Rahmenbedingungen. Mit jedem verlorenen Lebensraum, mit jeder verschwundenen Population und mit jeder weiteren Verschlechterung von Ökosystemen werden die Handlungsspielräume kleiner.
Die Wiederherstellung der Natur ist deshalb nicht nur eine Aufgabe des Naturschutzes. Sie ist eine Zukunftsaufgabe für die gesamte Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die auch kommenden Generationen die Vielfalt, Schönheit und Leistungsfähigkeit der natürlichen Lebensgrundlagen erhalten möchte, wird sich dieser Herausforderung stellen müssen.
Artenschutz in Franken®
Stand 25.06.2026
- Eine Aufgabe von historischer Bedeutung
Europa erlebt gegenwärtig eine der größten Herausforderungen seiner Umweltgeschichte. Während die Folgen des Klimawandels zunehmend sichtbar werden, vollzieht sich gleichzeitig eine zweite Krise, die oft weniger Aufmerksamkeit erhält: der fortschreitende Verlust der biologischen Vielfalt. Arten verschwinden, Lebensräume schrumpfen oder verschlechtern sich, und viele Ökosysteme verlieren ihre Fähigkeit, die Leistungen zu erbringen, von denen Menschen seit Jahrhunderten profitieren.
Die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur stellt den Versuch dar, dieser Entwicklung entgegenzutreten. Ihr Ziel ist nicht allein der Schutz verbliebener Naturräume. Vielmehr geht es darum, bereits geschädigte Ökosysteme wieder in einen besseren Zustand zu versetzen und natürliche Prozesse zu stärken. Dieser Ansatz beruht auf einer einfachen Erkenntnis: Naturschutz kann langfristig nicht erfolgreich sein, wenn sich die Politik ausschließlich auf die Bewahrung weniger verbliebener Rückzugsräume beschränkt. Wo Natur bereits erheblich beeinträchtigt wurde, müssen aktive Maßnahmen ergriffen werden, um ihre Funktionsfähigkeit zurückzugewinnen.
Die Verordnung markiert deshalb einen bedeutenden Wandel. Erstmals verpflichtet sich die Europäische Union, die Wiederherstellung von Natur nicht nur als freiwilliges Ziel zu betrachten, sondern als konkrete gesellschaftliche Aufgabe.
Das stille Verschwinden der Arten
Viele Menschen verbinden Artensterben mit exotischen Tieren in fernen Regenwäldern. Tatsächlich findet der Verlust biologischer Vielfalt jedoch direkt vor unserer Haustür statt. Wer heute durch viele Landschaften Deutschlands geht, erlebt eine Natur, die auf den ersten Blick durchaus intakt erscheinen kann. Felder werden bewirtschaftet, Wälder stehen weiterhin in der Landschaft, und vielerorts sind Vögel und Insekten zu beobachten. Doch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen seit Jahren, dass hinter diesem Eindruck oft ein tiefgreifender Wandel verborgen liegt.
Besonders deutlich wird dies bei den Insekten. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass viele Insektengruppen erhebliche Bestandsrückgänge verzeichnen. Schmetterlinge, Wildbienen und andere Bestäuber sind vielerorts seltener geworden. Für viele Menschen bleibt dieser Wandel zunächst unsichtbar. Doch Insekten bilden die Grundlage zahlreicher Nahrungsketten und übernehmen zentrale Aufgaben in Ökosystemen. Sie bestäuben Pflanzen, zersetzen organisches Material und dienen unzähligen Vogel-, Amphibien- und Säugetierarten als Nahrung.
Wenn Insekten verschwinden, bleiben die Folgen nicht auf einzelne Arten beschränkt. Ganze ökologische Netzwerke geraten unter Druck.
Auch viele Vogelarten der offenen Kulturlandschaft haben in den vergangenen Jahrzehnten dramatische Rückgänge erlebt. Das Rebhuhn, einst ein charakteristischer Bewohner der Feldflur, ist in vielen Regionen selten geworden. Ähnliches gilt für den Kiebitz, dessen Bestände vielerorts eingebrochen sind. Selbst Arten, die früher als alltäglich galten, stehen heute unter erheblichem Anpassungsdruck.
Der Verlust biologischer Vielfalt bedeutet dabei nicht nur das Verschwinden einzelner Arten. Oft gehen gleichzeitig genetische Vielfalt, ökologische Wechselwirkungen und die Stabilität ganzer Lebensgemeinschaften verloren. Ökosysteme werden dadurch anfälliger gegenüber Störungen und verlieren ihre Fähigkeit, auf Veränderungen zu reagieren.
Deutschland ist stärker betroffen, als viele vermuten
Deutschland verfügt über zahlreiche Schutzgebiete, Nationalparke und Naturschutzprogramme. Dennoch zeigen viele Indikatoren, dass sich der Zustand zahlreicher Lebensräume weiterhin in keinem günstigen Zustand befindet.Besonders betroffen sind Moore. Über Jahrhunderte wurden große Flächen entwässert, um sie land- oder forstwirtschaftlich zu nutzen. Dadurch gingen nicht nur einzigartige Lebensräume verloren. Auch enorme Mengen Kohlenstoff, die über Jahrtausende im Moorboden gespeichert wurden, gelangen als Treibhausgase in die Atmosphäre.
Ähnlich problematisch ist die Situation vieler Flüsse und Auen. Zahlreiche Gewässer wurden begradigt, kanalisiert oder durch Querbauwerke verändert. Natürliche Überschwemmungsflächen gingen verloren, und viele Arten verloren wichtige Lebensräume.
Auch artenreiche Wiesen zählen heute zu den am stärksten gefährdeten Lebensräumen Mitteleuropas. Wo früher eine große Vielfalt von Blütenpflanzen vorkam, dominieren heute häufig wenige konkurrenzstarke Arten. Mit dem Rückgang der Pflanzenvielfalt gehen wiederum zahlreiche Insektenarten verloren. Diese Entwicklungen sind nicht das Ergebnis einer einzelnen Ursache. Vielmehr wirken verschiedene Faktoren zusammen: intensive Flächennutzung, Zerschneidung von Lebensräumen, Schadstoffeinträge, Klimawandel, invasive Arten und der Verlust naturnaher Strukturen.
Warum die Natur mehr ist als eine schöne Kulisse
In politischen Debatten wird Naturschutz gelegentlich als Luxusproblem dargestellt. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz.
Intakte Ökosysteme bilden die Grundlage zahlreicher Leistungen, die für moderne Gesellschaften unverzichtbar sind. Sauberes Trinkwasser, fruchtbare Böden, natürliche Bestäubung, Hochwasserschutz und die Speicherung von Kohlenstoff hängen unmittelbar von funktionierenden Naturhaushalten ab. Ein Moor beispielsweise ist weit mehr als eine Ansammlung nasser Flächen. Es speichert Wasser, bindet Kohlenstoff und bietet hochspezialisierten Arten einen Lebensraum. Wird ein Moor entwässert, gehen diese Funktionen weitgehend verloren.
Ähnliches gilt für naturnahe Flusslandschaften. Sie können Hochwasser aufnehmen, Wasser zurückhalten und Lebensräume für zahlreiche Arten bereitstellen. Werden Flüsse hingegen stark reguliert, steigt häufig das Risiko extremer Hochwasserereignisse flussabwärts. Gesunde Ökosysteme wirken daher wie eine natürliche Infrastruktur. Anders als technische Bauwerke erfüllen sie mehrere Funktionen gleichzeitig und können sich teilweise selbst erhalten. Ihre Wiederherstellung ist deshalb nicht nur eine Investition in die Natur, sondern auch in die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.
Die Verbindung zwischen Artenkrise und Klimakrise
Die Klima- und Biodiversitätskrise werden häufig getrennt betrachtet. Tatsächlich sind beide eng miteinander verknüpft.
Der Klimawandel verändert Temperatur- und Niederschlagsmuster, verschiebt Lebensräume und erhöht den Druck auf zahlreiche Arten. Gleichzeitig schwächt der Verlust biologischer Vielfalt die Fähigkeit von Ökosystemen, Kohlenstoff zu speichern und sich an Veränderungen anzupassen. Ein artenreicher Wald reagiert oft robuster auf Trockenheit, Stürme oder Schädlingsbefall als ein ökologisch verarmtes System. Wiedervernässte Moore können erhebliche Mengen Kohlenstoff langfristig binden. Naturnahe Küstenökosysteme schützen vor Sturmfluten und Erosion.
Wer die Klimakrise bekämpfen möchte, kommt deshalb an der Wiederherstellung der Natur nicht vorbei. Ebenso wenig lässt sich die Biodiversitätskrise ohne wirksamen Klimaschutz lösen.
Was die EU-Verordnung erreichen soll
Die Verordnung zur Wiederherstellung der Natur verfolgt das Ziel, geschädigte Ökosysteme schrittweise zu verbessern. Dazu gehören unter anderem Maßnahmen in Wäldern, Mooren, Flüssen, Meeresgebieten und Agrarlandschaften. Dabei geht es nicht darum, jede menschliche Nutzung auszuschließen. Europa ist seit Jahrhunderten eine Kulturlandschaft. Viele wertvolle Lebensräume sind sogar erst durch traditionelle Formen der Landnutzung entstanden. Die Verordnung verfolgt daher grundsätzlich das Ziel, ökologische Verbesserungen mit nachhaltiger Nutzung zu verbinden.
Im Mittelpunkt steht die Wiederherstellung ökologischer Funktionen. Wo Gewässer durchgängig gemacht werden, können Fische wieder wandern. Wo Moore wiedervernässt werden, verbessern sich Wasserhaushalt und Klimaschutz. Wo Hecken, Blühflächen oder strukturreiche Landschaftselemente gefördert werden, profitieren zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Die Verordnung ist somit weniger als Rückkehr in eine vermeintlich unberührte Vergangenheit zu verstehen, sondern vielmehr als Investition in widerstandsfähige Landschaften der Zukunft.
Warum es auch kritische Stimmen gibt
Eine ausgewogene Betrachtung muss anerkennen, dass die Umsetzung solcher Ziele nicht ohne Herausforderungen erfolgt.
Landwirte, Forstbetriebe, Kommunen und andere Flächennutzer stehen häufig vor komplexen wirtschaftlichen Entscheidungen. Maßnahmen zur Wiederherstellung von Natur können Flächen binden, zusätzliche Kosten verursachen oder bestehende Bewirtschaftungskonzepte verändern.Diese Bedenken sind legitim und verdienen eine sachliche Diskussion. Erfolgreicher Naturschutz entsteht selten durch Konfrontation. Langfristig tragfähige Lösungen erfordern Kooperation, verlässliche Rahmenbedingungen und angemessene finanzielle Unterstützung.
Gleichzeitig sollte berücksichtigt werden, dass auch der fortgesetzte Verlust biologischer Vielfalt erhebliche Kosten verursacht. Sinkende Bestäuberzahlen, Bodendegradation, Hochwasserschäden oder klimabedingte Belastungen können wirtschaftlich und gesellschaftlich weitreichende Folgen haben.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Wiederherstellungsmaßnahmen Kosten verursachen. Die entscheidende Frage ist vielmehr, welche Kosten entstehen, wenn auf solche Maßnahmen verzichtet wird.
Eine Verantwortung gegenüber kommenden Generationen
Die heutige Generation verfügt über ein wissenschaftliches Wissen über Umweltveränderungen, das früheren Generationen nicht zur Verfügung stand. Wir wissen heute deutlich genauer, wie Ökosysteme funktionieren, welche Folgen Artenverluste haben und welche Risiken mit der fortschreitenden Verschlechterung natürlicher Lebensgrundlagen verbunden sind.
Daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung.
Die Wiederherstellung der Natur ist keine romantische Idee und kein Versuch, gesellschaftlichen Fortschritt zurückzudrehen. Sie ist eine rationale Antwort auf die Erkenntnis, dass dauerhaft funktionierende Gesellschaften auf dauerhaft funktionierende Ökosysteme angewiesen sind. Die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur bietet die Chance, den gegenwärtigen Negativtrend umzukehren. Ob diese Chance genutzt wird, hängt letztlich von politischen Entscheidungen, ausreichenden Ressourcen und der Bereitschaft zur Zusammenarbeit ab.
Fest steht jedoch: Das Artensterben wartet nicht auf günstigere politische Rahmenbedingungen. Mit jedem verlorenen Lebensraum, mit jeder verschwundenen Population und mit jeder weiteren Verschlechterung von Ökosystemen werden die Handlungsspielräume kleiner.
Die Wiederherstellung der Natur ist deshalb nicht nur eine Aufgabe des Naturschutzes. Sie ist eine Zukunftsaufgabe für die gesamte Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die auch kommenden Generationen die Vielfalt, Schönheit und Leistungsfähigkeit der natürlichen Lebensgrundlagen erhalten möchte, wird sich dieser Herausforderung stellen müssen.
Artenschutz in Franken®
Stand 25.06.2026
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