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Wenn der Mulcher die letzten Rückzugsräume erfasst
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Wenn der Mulcher die letzten Rückzugsräume erfasst

  • Warum das flächige Mulchen von Wegrändern, Feldrainen und Böschungen im September die biologische Vielfalt empfindlich trifft

Im September scheint sich die Natur langsam zurückzuziehen. Viele Blüten sind verblüht, Gräser beginnen zu vergilben und die ersten Blätter lösen sich von den Gehölzen. Für den oberflächlichen Blick wirken Feldraine, Böschungen und ungenutzte Randstreifen nun häufig ungepflegt oder sogar wertlos. Doch dieser Eindruck täuscht. Gerade jetzt erfüllen diese unscheinbaren Strukturen eine besonders wichtige Aufgabe: Sie werden zu Rückzugs-, Nahrungs- und Überwinterungsräumen für zahlreiche Tierarten.

Trotzdem erleben wir immer wieder, dass entlang landwirtschaftlicher Flächen im September großflächig gemulcht wird. Innerhalb weniger Minuten verschwinden blütenreiche Säume, Altgrasstreifen und hochgewachsene Kräuter unter den rotierenden Werkzeugen der Maschinen. Zurück bleibt eine kurz geschnittene, vielfach regelrecht zerfaserte Fläche. Was nach Ordnung und Pflege aussieht, bedeutet für die biologische Vielfalt häufig den Verlust eines der letzten noch verbliebenen Lebensräume in einer intensiv genutzten Landschaft.

Lebensraum bis in den letzten Halm

Auf landwirtschaftlichen Nutzflächen selbst finden viele wild lebende Arten kaum noch geeignete Rückzugsorte. Umso bedeutender sind Feldraine, Wegränder, Böschungen, Grabenränder und kleine Restflächen. Sie bilden schmale Lebensadern zwischen Äckern, Wiesen, Hecken und Gehölzen.

Im September sitzen an den Stängeln zahlreicher Pflanzen noch Insekten, Raupen und Spinnen. In hohlen oder markhaltigen Pflanzenstängeln entwickeln sich Larven verschiedener Wildbienen und anderer Insekten. Heuschrecken haben ihre Eier im Boden oder in Pflanzenteilen abgelegt. Schmetterlingsraupen suchen geschützte Plätze für die Überwinterung, während Käfer, Wanzen und andere Kleintiere zwischen Halmen, Blättern und abgestorbenem Pflanzenmaterial Schutz finden.

Auch die Samenstände sind keineswegs nutzlos. Disteln, Karden, Flockenblumen und zahlreiche weitere Wildpflanzen stellen bis weit in den Herbst und Winter hinein Nahrung für Finken und andere samenfressende Vögel bereit. Wird der gesamte Bewuchs im September zerkleinert, geht nicht nur die aktuelle Vegetation verloren. Auch die Nahrungsgrundlage der kommenden Wochen und Monate wird beseitigt.

Mulchen bedeutet mehr als Mähen

Beim Mulchen wird der Pflanzenbestand nicht lediglich abgeschnitten. Das Material wird durch schnell rotierende Werkzeuge erfasst, mehrfach zerschlagen und zerkleinert. Kleintiere, die sich auf den Pflanzen, in den unteren Vegetationsschichten oder unmittelbar an der Bodenoberfläche befinden, haben oft kaum eine Möglichkeit zur Flucht.

Gleichzeitig verbleibt das zerkleinerte Pflanzenmaterial auf der Fläche. Bildet sich daraus eine dichte Mulchauflage, kann diese lichtbedürftige und konkurrenzschwache Pflanzenarten verdrängen. Nährstoffe gelangen zurück in den Boden, wodurch sich auf ursprünglich mageren Standorten zunehmend wenige kräftige Gräser und nährstoffliebende Pflanzen durchsetzen können. Die Pflanzenvielfalt nimmt ab – und mit ihr verschwindet schrittweise auch die daran gebundene Tierwelt.

Besonders problematisch ist die vollständige Bearbeitung langer Randstreifen in einem einzigen Arbeitsgang. Wo kein unbehandelter Abschnitt erhalten bleibt, fehlen Ausweichräume. Die ökologische Verbindung zwischen verschiedenen Lebensräumen wird abrupt unterbrochen.

„Aufgeräumt“ – aber ökologisch verarmt

Aus Sicht von Artenschutz in Franken® gehört die Vorstellung auf den Prüfstand, dass jede im Herbst stehen gebliebene Pflanze ein Zeichen mangelnder Pflege sei. Ein brauner Stängel ist kein Abfall. Ein Altgrasstreifen ist keine verwahrloste Fläche. Und ein samenreicher Feldrain ist kein nutzloser Rest neben der eigentlichen Nutzung.

Gerade diese vermeintlich unordentlichen Bereiche tragen dazu bei, dass Insekten, Vögel, Spinnen, Reptilien und Kleinsäuger in unserer Kulturlandschaft überhaupt noch bestehen können. Sie bieten Deckung, Nahrung, Überwinterungsplätze und Wanderkorridore. Werden auch diese letzten Strukturen flächig und wiederholt gemulcht, bleibt zwischen intensiv bewirtschafteten Flächen kaum noch Raum für wildes Leben.

Dabei geht es nicht darum, jede Pflege grundsätzlich abzulehnen. Maßnahmen können aus Gründen der Verkehrssicherheit, des Wasserabflusses oder zur gezielten Entwicklung eines Standorts notwendig sein. Entscheidend sind jedoch Zeitpunkt, Technik, Schnitthöhe und Umfang. Pflege darf nicht gedankenlos erfolgen, sondern muss die Lebenszyklen der vorkommenden Arten berücksichtigen.

Naturverträgliche Pflege braucht Rücksicht


Eine ökologisch verantwortliche Pflege kann bedeuten, Randstreifen nur abschnittsweise und zeitlich versetzt zu bearbeiten. Einzelne Bereiche sollten über den Winter stehen bleiben. Diese ungemähten Inseln ermöglichen es Tieren, auszuweichen, sich weiterzuentwickeln oder geschützt zu überwintern.

Wo es möglich ist, sollte einer schonenden Mahd mit geeigneter Technik und anschließender Abfuhr des Schnittguts der Vorzug vor einem flächigen Mulchgang gegeben werden. Eine ausreichende Schnitthöhe kann zusätzliche Verluste vermeiden. Ebenso wichtig ist es, nicht jedes Jahr sämtliche Säume zur gleichen Zeit zu bearbeiten.

Bei invasiven Pflanzen, problematischen Gehölzaufwüchsen oder besonderen Anforderungen können gezielte Eingriffe erforderlich sein. Doch auch dann sollte genau geprüft werden, welche Bereiche tatsächlich behandelt werden müssen. Aus einer notwendigen Einzelmaßnahme darf keine pauschale Komplettbereinigung der Landschaft werden.

Unsere Landschaft braucht Mut zur verbleibenden Struktur

Artenschutz in Franken® setzt sich dafür ein, Feldraine, Böschungen und Wegränder nicht länger als bedeutungslose Nebenflächen zu betrachten. In vielen Regionen sind sie zu letzten Überlebensräumen geworden. Ihre ökologische Bedeutung steht in keinem Verhältnis zu ihrer oftmals geringen Breite.

Wer im September einen Altgrasstreifen stehen lässt, schützt damit möglicherweise überwinternde Insekten, sichert Samennahrung für Vögel und erhält zugleich einen Wanderkorridor für Kleintiere. Wer dagegen jeden Rand vollständig mulcht, entfernt nicht nur Pflanzen. Er nimmt der Landschaft einen Teil ihrer biologischen Substanz.

Wir brauchen deshalb eine Pflege, die genauer hinsieht, bevor Maschinen eingesetzt werden. Eine Pflege, die nicht an einem möglichst „sauberen“ Erscheinungsbild gemessen wird, sondern an der Frage, welche Lebensräume auch nach dem Eingriff noch vorhanden sind.

Denn biologische Vielfalt überlebt nicht allein in Schutzgebieten. Sie braucht auch die schmalen, unscheinbaren und scheinbar unordentlichen Bereiche entlang unserer landwirtschaftlichen Flächen. Gerade im September entscheidet sich dort, ob Tiere und Pflanzen noch einen Platz für den kommenden Herbst und Winter finden – oder ob auch dieser letzte Rückzugsraum unter dem Mulcher verschwindet.

In der Darstellung - Hinweis: Originalaufnahmen · KI-gestützt montiert
  • Nicht nur Wildkräuter und Gräser wurden erfasst: Die Detailansicht zeigt, dass der Mulcher auch bereits verholzte Büsche entlang der landwirtschaftlichen Fläche stark zurückgesetzt hat – wertvolle Rückzugsräume gingen dabei verloren.

Artenschutz in Franken® 
Stand 21.09.2026
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