Sie alle engagieren sich gemeinsam mit Artenschutz in Franken® für eine intakte Umwelt
ARTENSCHUTZ IN FRANKEN®

Im Sinne uns nachfolgender Generationen
Ausgezeichnet

Home

Über Uns

Aktuelles

Der Steigerwald

Diverses

Pflanzen

Projekte

Publikationen

Tiere

Umweltbildung

Webcams
Tortula ruralis, Erd-Drehzahnmoos
Bild zum Eintrag (1145562-160)
Das Erd-Drehzahnmoos (Tortula ruralis / heute meist Syntrichia ruralis) – Ein Überlebenskünstler der Trockenstandorte

  • Wenn der Regen das Leben zurückbringt …

Wochenlang hat die Sonne auf den sandigen Boden gebrannt. Zwischen Kieseln, Felsen und trockenen Mauerritzen scheint kaum noch Leben vorhanden zu sein. Das kleine Moospolster wirkt grau, eingerollt und spröde – fast so, als wäre es längst abgestorben. Doch dann ziehen dunkle Wolken auf. Die ersten Regentropfen fallen, der Boden wird feucht, und innerhalb weniger Minuten beginnt ein kleines Wunder. Das unscheinbare Moos entfaltet seine Blättchen, färbt sich kräftig grün und nimmt seine Lebensfunktionen wieder auf. Was eben noch wie vertrocknet aussah, lebt wieder.

Das Erd-Drehzahnmoos gehört zu den bemerkenswertesten Überlebenskünstlern unserer heimischen Pflanzenwelt. Es zeigt eindrucksvoll, dass Leben selbst unter extremen Bedingungen möglich ist – wenn eine Art im Laufe der Evolution die passenden Strategien entwickelt hat.

Artbeschreibung

Das Erd-Drehzahnmoos (Tortula ruralis), das heute in der Fachliteratur überwiegend unter dem Namen Syntrichia ruralis geführt wird, gehört zur Familie der Pottiaceae. Es zählt zu den häufigsten Moosen trockener und sonniger Standorte in Europa.

Die Pflanze bildet dichte Polster oder lockere Rasen, die je nach Feuchtigkeitszustand ihr Aussehen deutlich verändern. Im trockenen Zustand sind die Blätter eng eingerollt und erscheinen graugrün bis bräunlich. Sobald Feuchtigkeit vorhanden ist, entfalten sie sich innerhalb kurzer Zeit und nehmen eine frische, kräftig grüne Farbe an.

Die einzelnen Pflänzchen erreichen meist eine Höhe von ein bis vier Zentimetern. Typisch sind die schmalen Blätter mit einer deutlich hervortretenden Blattrippe, die oft als feine, helle Spitze sichtbar wird. Die namensgebenden, spiralig gedrehten Zähne des Peristoms – einer Struktur am Rand der Sporenkapsel – unterstützen die kontrollierte Freisetzung der Sporen und gaben der Art ihren deutschen Namen.

Lebensraum

  • Das Erd-Drehzahnmoos ist ausgesprochen anpassungsfähig und besiedelt vor allem trockene, nährstoffarme und sonnige Standorte.

Typische Lebensräume sind:


  • Trockenrasen
  • Sandflächen
  • Dünen
  • Felskuppen
  • Magerrasen
  • offene Böschungen
  • Trockenmauern
  • Kiesflächen
  • Wegränder
  • extensiv genutzte Offenlandbereiche

Besonders wohl fühlt sich die Art auf kalkhaltigen oder neutralen Böden, wächst aber auch auf silikatischen Untergründen.

Ein Spezialist für Trockenheit


Kaum eine heimische Moosart ist so gut an Trockenperioden angepasst wie das Erd-Drehzahnmoos.

Während viele Pflanzen bei Wassermangel dauerhaft geschädigt werden, kann dieses Moos nahezu vollständig austrocknen. Stoffwechsel und Wachstum werden dabei fast vollständig eingestellt. Erst wenn Tau oder Regen Feuchtigkeit liefern, nimmt das Moos innerhalb weniger Minuten seine normale Funktion wieder auf. Diese Fähigkeit wird als Austrocknungstoleranz bezeichnet und macht die Art zu einem außergewöhnlichen Beispiel pflanzlicher Anpassung.

Ökologische Bedeutung

  • Obwohl das Erd-Drehzahnmoos klein und oft unauffällig ist, erfüllt es wichtige Aufgaben im Naturhaushalt.

Die Moospolster:

  • schützen den Boden vor Erosion,
  • speichern Niederschläge,
  • verbessern das Mikroklima direkt an der Bodenoberfläche,
  • bieten zahlreichen Kleinstlebewesen Lebensraum,
  • fördern die Bodenbildung.

Zwischen den feinen Blättern leben unter anderem:

  • Springschwänze,
  • Milben,
  • Fadenwürmer,
  • Bärtierchen,
  • Einzeller,
  • verschiedene Mikroorganismen.

Diese Organismen bilden wiederum die Grundlage für komplexe Nahrungsketten.

Verbreitung

Das Erd-Drehzahnmoos ist nahezu weltweit verbreitet. Es kommt in Europa, Asien, Nordamerika und Teilen Afrikas vor. In Deutschland ist die Art in vielen Regionen anzutreffen, insbesondere dort, wo offene, trockene Standorte erhalten geblieben sind.

Perspektiven im Zeichen des Klimawandels


Auf den ersten Blick könnte man annehmen, dass eine trockenheitsresistente Art wie das Erd-Drehzahnmoos vom Klimawandel profitiert. Tatsächlich ist die Situation deutlich komplexer. Zwar verträgt das Moos längere Trockenphasen außergewöhnlich gut, doch gleichzeitig verändern sich viele seiner Lebensräume grundlegend.

Durch die Aufgabe extensiver Weidewirtschaft und traditioneller Landschaftspflege verbuschen zahlreiche Trockenstandorte. Gehölze beschatten den Boden, wodurch sich Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Konkurrenzverhältnisse verändern. Hinzu kommen Stickstoffeinträge aus Landwirtschaft und Verkehr. Sie fördern das Wachstum konkurrenzstärkerer Gräser und Kräuter, welche die offenen Bodenstellen überwachsen, die das Erd-Drehzahnmoos benötigt.

Extreme Wetterereignisse stellen eine weitere Herausforderung dar. Längere Dürrephasen wechseln sich zunehmend mit Starkregen ab. Solche Ereignisse können Bodenmaterial abschwemmen oder bestehende Moospolster beschädigen. Die Zukunft der Art hängt daher weniger von ihrer Trockenheitsresistenz als vom Erhalt offener, nährstoffarmer Lebensräume ab.

Bedrohungen

Obwohl das Erd-Drehzahnmoos derzeit vielerorts noch vorkommt, steht sein Lebensraum unter zunehmendem Druck.

Verlust offener Trockenstandorte
Viele Magerrasen, Sandflächen und Trockenhänge gehen durch Nutzungsänderungen oder Bebauung verloren.

Verbuschung
Ohne regelmäßige Pflege entwickeln sich offene Flächen zu Gehölzbeständen. Das Moos verliert dadurch Licht und geeignete Wuchsflächen.

Stickstoffeinträge
Übermäßige Nährstoffeinträge verändern die Vegetation und begünstigen konkurrenzstarke Pflanzen.

Bodenversiegelung
Straßen, Gebäude und befestigte Wege zerstören dauerhaft geeignete Lebensräume.

Intensive Freizeitnutzung
Häufiges Betreten empfindlicher Trockenstandorte kann Moospolster beschädigen oder vollständig zerstören.

Klimawandel

Veränderte Niederschlagsmuster und häufigere Extremereignisse beeinflussen die Stabilität der Lebensräume.

Schutzmaßnahmen

Der langfristige Erhalt des Erd-Drehzahnmooses gelingt vor allem durch den Schutz seiner Lebensräume.

Wichtige Maßnahmen sind:


  • Erhaltung von Trockenrasen und Magerrasen,
  • Offenhaltung durch extensive Beweidung oder Mahd,
  • Reduzierung von Nährstoffeinträgen,
  • Schutz offener Sandflächen,
  • Verzicht auf Bodenversiegelung,
  • Förderung naturnaher Landschaftspflege.

Auch kleine, sonnige Offenflächen können wichtige Trittsteinbiotope für diese Art darstellen.

Wissenswertes
Das Erd-Drehzahnmoos gehört zu den trockenheitsresistentesten Moosen Europas.Es kann nach vollständiger Austrocknung innerhalb weniger Minuten wieder aktiv werden.Die Art trägt heute häufig den wissenschaftlichen Namen Syntrichia ruralis.
Moospolster bieten zahlreichen Mikroorganismen einen geschützten Lebensraum.Das Erd-Drehzahnmoos trägt zur Stabilisierung offener Böden bei.


Fazit

Das Erd-Drehzahnmoos zeigt eindrucksvoll, wie anpassungsfähig Pflanzen sein können. Seine Fähigkeit, Trockenheit zu überstehen und nach einem Regenschauer nahezu augenblicklich wieder zu ergrünen, macht es zu einem faszinierenden Bestandteil unserer Trockenlebensräume.

Sein Fortbestand hängt jedoch entscheidend davon ab, dass offene, nährstoffarme Standorte erhalten bleiben. Der Schutz von Trockenrasen, Dünen, Sandflächen und mageren Böschungen sichert nicht nur das Überleben dieses außergewöhnlichen Mooses, sondern bewahrt zugleich wertvolle Lebensräume für zahlreiche weitere spezialisierte Tier- und Pflanzenarten.

In der Aufnahme von Albert Meier
  • Nach einem Regenschauer entfalten sich die zuvor eingerollten Blätter innerhalb weniger Minuten.
Tortula ruralis, Erd-Drehzahnmoos
Bild zum Eintrag (1145563-160)
In der Aufnahme von Albert Meier
  •     Dichte Moospolster schützen den Boden vor Austrocknung und Erosion.
Tortula ruralis, Erd-Drehzahnmoos
Bild zum Eintrag (1145564-160)
In der Aufnahme von Albert Meier
  • Das Erd-Drehzahnmoos trägt zur Stabilisierung nährstoffarmer Böden bei.
Tortula ruralis, Erd-Drehzahnmoos
Bild zum Eintrag (1145565-160)
In der Aufnahme von Albert Meier
  • Feuchtigkeit lässt das Moos rasch wieder kräftig grün werden.