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Roesels Beißschrecke – wenn die Wiese leise zu summen beginnt
Bild zum Eintrag (1147848-160)
Roesels Beißschrecke – wenn die Wiese leise zu summen beginnt

Zwischen trockenen Halmen und frischem Grün bewegt sich plötzlich etwas. Zunächst ist kaum mehr als ein brauner Schatten zu erkennen. Erst beim genaueren Hinsehen treten die langen Fühler, die kräftigen Sprungbeine und der auffällig hell gerandete Halsschild hervor. Bei dem entdeckten Tier handelt es sich um ein Weibchen der Roesels Beißschrecke. Die leicht nach oben gebogene Legeröhre am Ende des Hinterleibes macht die Bestimmung besonders deutlich.

Solche Begegnungen zeigen uns bei Artenschutz in Franken® immer wieder, wie viel Leben in einer scheinbar unspektakulären Wiese verborgen sein kann. Wer nur flüchtig über die Fläche blickt, sieht vielleicht Gras. Wer sich Zeit nimmt, entdeckt darin einen vielschichtigen Lebensraum.

Eine Beißschrecke mit unverwechselbarem Rand

Roesels Beißschrecke trägt heute den wissenschaftlichen Namen Roeseliana roeselii. In älterer Literatur und vielen Bestimmungswerken wird sie noch als Metrioptera roeselii geführt. Sie gehört zur Familie der Laubheuschrecken und erreicht meist eine Körperlänge von etwa 14 bis 19 Millimetern.

Ihre Färbung kann unterschiedlich ausfallen. Neben braunen und gelblich braunen Tieren kommen auch olivgrüne oder teilweise grün gefärbte Exemplare vor. Besonders charakteristisch ist der breite, helle Rand an den Seiten des Halsschildes. Hinter diesem können zusätzlich kleine gelbliche Flecken sichtbar sein.

Wie bei anderen Laubheuschrecken sind die Fühler sehr lang und können die Körperlänge deutlich übertreffen. Die kräftigen Hinterbeine ermöglichen weite Sprünge, während die Flügel bei den meisten Tieren nur einen Teil des Hinterleibes bedecken. Gelegentlich treten jedoch langflügelige Individuen auf, die neue Lebensräume fliegend erreichen können.

Männchen und Weibchen lassen sich gut unterscheiden. Das Weibchen besitzt am Hinterleibsende eine leicht gebogene, schwertförmige Legeröhre. Sie ist kein Stachel und dient auch nicht der Verteidigung. Mit ihrer Hilfe bringt das Weibchen seine Eier geschützt in geeignetem Pflanzenmaterial unter.

Ein Geräusch wie ein feines elektrisches Sirren


Während das Weibchen meist still und gut getarnt zwischen den Halmen sitzt, macht das Männchen durch seinen Gesang auf sich aufmerksam. An warmen Sommertagen ist aus dichter Grasvegetation ein gleichmäßiges, hochfrequentes Sirren zu hören. Es kann an das leise Geräusch einer elektrischen Leitung erinnern.

Der Gesang entsteht durch das Aneinanderreiben speziell ausgebildeter Strukturen der Vorderflügel. Er dient vor allem dazu, paarungsbereite Weibchen anzulocken. Häufig hören wir Roesels Beißschrecke deshalb lange, bevor wir das gut verborgene Tier tatsächlich entdecken.

Für Artenschutz in Franken® gehört dieses feine Sirren zur natürlichen Klangwelt einer lebendigen Wiese. Verstummt eine solche Fläche, kann dies ein Hinweis darauf sein, dass wichtige Strukturen oder geeignete Rückzugsräume verlorengegangen sind.

Zwischen Wiese, Saum und Altgras

Roesels Beißschrecke besiedelt unterschiedliche grasreiche Lebensräume. Besonders häufig findet man sie in strukturreichen Wiesen, an Wegrändern, Böschungen, Grabenrändern, auf Brachen und in Hochstaudenfluren. Sie kommt sowohl auf mäßig trockenen als auch auf frischeren und feuchteren Standorten vor.

Entscheidend ist weniger ein einzelner Pflanzenbestand als vielmehr eine ausreichend hohe und vielfältig aufgebaute Vegetation. Zwischen Halmen und Blättern entstehen unterschiedliche Temperatur- und Feuchtigkeitsbereiche. Dort kann sich die Beißschrecke verstecken, Nahrung suchen und vor ungünstiger Witterung oder Fressfeinden schützen.

Auch Altgras besitzt eine besondere Bedeutung. Stehengebliebene Halme bieten Deckung und können zugleich als Ablageplatz für die Eier dienen. Werden alle Pflanzen einer Fläche zur gleichen Zeit vollständig entfernt, geht dieser Schutz innerhalb weniger Stunden verloren.

Die nächste Generation bleibt im Pflanzenbestand zurück


Nach der Paarung sucht das Weibchen geeignete Pflanzenstrukturen für die Eiablage. Mithilfe seiner Legeröhre bringt es die Eier in Pflanzenmaterial ein. Dort verbleiben sie während der kalten Jahreszeit. Im folgenden Frühjahr oder Frühsommer schlüpfen die jungen Nymphen.

Diese ähneln den erwachsenen Tieren bereits, besitzen jedoch noch keine vollständig entwickelten Flügel. Über mehrere Häutungen wachsen sie heran, bis schließlich im Sommer die erwachsenen Beißschrecken erscheinen. Die Tiere können dann bis in den Frühherbst hinein beobachtet werden.

Dieser Lebenszyklus macht deutlich, warum der Schutz einer Wiese nicht mit dem Ende der sichtbaren Insektensaison aufhören darf. Auch wenn im Winter keine Beißschrecke mehr zu erkennen ist, kann die nächste Generation bereits unsichtbar in den Pflanzenstängeln auf das kommende Frühjahr warten.

Häufig bedeutet nicht unverwundbar

Roesels Beißschrecke zählt in vielen Regionen noch zu den regelmäßig vorkommenden Heuschreckenarten. Sie gilt als vergleichsweise anpassungsfähig und kann auch in unterschiedlich genutztem Grünland auftreten. Daraus sollte jedoch nicht geschlossen werden, dass ihre Lebensräume beliebig behandelt werden können.

Bei einer vollständigen Mahd oder beim flächigen Mulchen werden innerhalb kürzester Zeit Nahrung, Deckung und Eiablagestrukturen beseitigt. Tiere können unmittelbar verletzt oder getötet werden. Mit den zerkleinerten und abgeräumten Halmen verschwinden möglicherweise auch die darin abgelegten Eier.

Besonders problematisch wird es, wenn Wiesen, Wegraine und Böschungen mehrmals im Jahr vollständig und bis dicht an den Boden bearbeitet werden. Fehlen dauerhaft ungemähte Teilflächen, gibt es kaum Ausweichmöglichkeiten. Auch die Beseitigung von Säumen, der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und die Umwandlung vielfältiger Wiesen in strukturarme Flächen beeinträchtigen die Lebensbedingungen.

Artenschutz in Franken® setzt sich deshalb für eine abschnittsweise und zeitlich versetzte Pflege ein. Altgrasinseln, breite Säume und wechselnde Rückzugsstreifen sollten bei jedem Pflegegang erhalten bleiben. Im folgenden Jahr können andere Bereiche stehen gelassen werden. Auf diese Weise bleibt die Fläche offen, ohne ihren gesamten Lebensraumwert auf einmal zu verlieren.

Gewinnerin des Klimawandels?


In einigen Teilen Europas hat sich Roesels Beißschrecke in den vergangenen Jahrzehnten weiter nach Norden und in zuvor nicht besiedelte Regionen ausgebreitet. Warme Sommer können die Entwicklung begünstigen. Gleichzeitig treten unter bestimmten Bedingungen häufiger langflügelige Tiere auf, die größere Entfernungen überwinden und neue Flächen erreichen können.

Dennoch wäre es zu einfach, die Art als Gewinnerin des Klimawandels zu bezeichnen. Langanhaltende Trockenheit kann frische Wiesen, Hochstaudenfluren und Altgrasbestände stark verändern. Trocknen diese Lebensräume wiederholt vollständig aus, gehen die feuchten und geschützten Mikrobereiche zwischen den Halmen verloren.

Ob Roesels Beißschrecke neue Gebiete dauerhaft besiedeln kann, hängt deshalb nicht nur von steigenden Temperaturen ab. Sie benötigt erreichbare, miteinander verbundene Lebensräume. Isolierte Wieseninseln in einer ausgeräumten Landschaft reichen auf Dauer nicht aus.

Eine Botschafterin für lebendige Wiesen

Roesels Beißschrecke ist keine spektakulär große oder auffällig bunte Art. Gerade darin liegt für uns ihr besonderer Wert. Sie erinnert daran, dass Artenvielfalt häufig im Verborgenen lebt – zwischen alten Halmen, in schmalen Säumen und auf Flächen, die nicht bei jedem Pflegegang vollständig bearbeitet werden.

Für Artenschutz in Franken® steht sie stellvertretend für viele Wiesenbewohner, deren Lebenszyklen bei der Flächenpflege kaum wahrgenommen werden. Wer Altgrasinseln erhält, abschnittsweise mäht und auf flächiges Mulchen verzichtet, schützt nicht nur eine einzelne Heuschreckenart. Er bewahrt ein ganzes Netz aus Rückzugsräumen, Fortpflanzungsstätten und Nahrungsbeziehungen.

Manchmal genügt bereits ein einziger ungemähter Streifen, damit das leise Sirren auch im kommenden Sommer wieder aus der Wiese zu hören ist.

In der Abbildung - Illustrative KI-Bearbeitung – Darstellung entspricht nicht vollständig der ursprünglichen Aufnahmesituation.
  • Hier haben wir eine eigene Originalaufnahme optisch verbessert um das Weibchen der Roesels Beißschrecke besser sichtbar werden zu lassen. In die Darstellung wurden ferner Informationen zur Art, sowie deren Lebensraum etc. integriert. 
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