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Brombeerspinners (Macrothylacia rubi)
Bild zum Eintrag (1150330-160)
Brombeerspinner (Macrothylacia rubi)

  • Wenn eine Raupe vom Wert unserer Säume erzählt

Es ist einer dieser Tage im Spätsommer, an denen die Wiesen bereits etwas von ihrer sommerlichen Farbe verloren haben. Zwischen trockenen Halmen, verblühten Kräutern und den ersten braunen Blättern bewegt sich langsam eine kräftige, dicht behaarte Raupe.

Sie ist kaum zu übersehen.

Dunkelbraun bis fast schwarz, mit rötlichbraunen Haaren bedeckt, zieht sie durch die niedrige Vegetation. Vielleicht überquert sie einen Feldweg, vielleicht sitzt sie am Rand einer Böschung oder verschwindet zwischen Altgras und Brombeertrieben.

Für viele bleibt es eine zufällige Begegnung.

Für uns von Artenschutz in Franken® erzählt diese Raupe jedoch eine ganze Geschichte.

Eine Geschichte über Wiesen, die nicht ständig gemäht werden. Über Säume, die stehen bleiben dürfen. Über Heckenränder, Böschungen und kleine Brachen, die von außen manchmal ungeordnet erscheinen – und doch genau jene Strukturen sind, die für zahlreiche Tierarten überlebenswichtig werden können. Die Raupe gehört zum Brombeerspinner (Macrothylacia rubi). Und gerade an dieser Art lässt sich eindrucksvoll zeigen, wie eng das Überleben eines Insekts mit der Art und Weise verbunden ist, wie wir unsere Landschaft pflegen.

Ein Nachtfalter mit bemerkenswerter Lebensweise


Der Brombeerspinner gehört zur Familie der Glucken. Der erwachsene Falter wirkt im Vergleich zu seiner auffälligen Raupe eher zurückhaltend. Die Männchen sind meist kleiner und dunkel rotbraun gefärbt. Weibchen werden deutlich größer und erscheinen häufig graubraun. Auffällig sind vor allem die kräftig gefiederten Fühler der Männchen, mit denen sie Duftstoffe der Weibchen wahrnehmen können.

Der eigentliche Blickfang ist jedoch die Raupe.


Sie entwickelt sich während des Sommers und erreicht bis zum Herbst eine beachtliche Größe. Dabei nutzt sie keineswegs ausschließlich Brombeeren als Nahrung. Verschiedene krautige Pflanzen und niedrige Gehölze können ihr als Futter dienen.Der Name „Brombeerspinner“ beschreibt somit nur einen kleinen Ausschnitt ihrer tatsächlichen Lebensweise. Besonders bemerkenswert ist, dass die weit entwickelte Raupe den Winter überdauert. Sie sucht dafür geschützte Bereiche in Bodennähe, zwischen Vegetation, Pflanzenresten oder anderen geeigneten Strukturen auf.

Und genau hier beginnt ein Thema, das uns im praktischen Naturschutz immer wieder begegnet.

Der Herbst ist keineswegs eine „leere“ Jahreszeit

Wenn im September und Oktober viele Pflanzen verblüht sind, entsteht schnell der Eindruck, Wiesenränder, Böschungen oder Feldraine hätten ihre ökologische Aufgabe für dieses Jahr erfüllt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Gerade jetzt befinden sich zahlreiche Insekten in Entwicklungsstadien, die wir kaum wahrnehmen.

  • Eier sitzen an Pflanzenstängeln.
  • Puppen liegen verborgen in der Vegetation.
  • Larven befinden sich im Boden.

Und Raupen wie jene des Brombeerspinners suchen geeignete Plätze für die bevorstehende Überwinterung.

Eine Fläche kann für das menschliche Auge bereits „abgestorben“ erscheinen – und dennoch voller Leben sein.

Das ist einer der Gründe, weshalb wir von Artenschutz in Franken® immer wieder für einen differenzierteren Blick auf Pflegeeingriffe werben.

Der Lebensraum liegt häufig am Rand

Der Brombeerspinner bevorzugt strukturreiche, eher offene Landschaftsbereiche. Dazu gehören unter anderem extensiv genutzte Wiesen, Böschungen, Magerrasen, lichte Waldränder, Heiden, Brachen und krautreiche Säume. Es sind häufig keine spektakulären Lebensräume. Und gerade darin liegt ihre Bedeutung.

  • Ein schmaler Streifen zwischen Acker und Weg kann eine solche Funktion übernehmen.
  • Eine Böschung entlang eines Wirtschaftsweges.
  • Eine kleine Brachfläche.
  • Ein Altgrasstreifen am Rand einer Wiese.
  • Eine ungemähte Ecke neben einer Hecke.

In einer Landschaft, in der Nutzflächen immer größer und homogener werden, können solche kleinen Strukturen zu entscheidenden Rückzugsräumen werden.

  • Sie sind nicht „übrig geblieben“.
  • Sie sind Lebensraum.

Wenn der Mulcher alles gleichzeitig erfasst

Besonders problematisch wird es, wenn solche Strukturen vollständig und zum gleichen Zeitpunkt bearbeitet werden. Noch immer erleben wir, dass Feldraine, Böschungen, Wegränder und andere Randstrukturen großflächig gemulcht werden – teilweise zu Zeiten, in denen sich dort zahlreiche Insekten, Reptilien und Kleintiere aufhalten. Ein Mulcher unterscheidet nicht zwischen unerwünschtem Pflanzenaufwuchs und überwinternder Raupe. Er unterscheidet nicht zwischen trockener Vegetation und darin verborgener Puppe.

Innerhalb weniger Minuten kann eine Struktur verschwinden, die sich über Monate entwickelt hat.

Dabei geht es nicht darum, notwendige Pflege grundsätzlich abzulehnen. Auch aus Sicht des Naturschutzes müssen Offenlandflächen gepflegt werden, damit sie nicht vollständig verbuschen oder langfristig ihren Charakter verlieren.

Doch entscheidend ist die Art der Pflege.

  • Pflege darf nicht bedeuten, alles gleichzeitig zu entfernen
  • Für den Erhalt biologischer Vielfalt braucht es mehr Mut zur Staffelung.
  • Nicht jede Fläche muss im gleichen Zeitraum gemäht werden.
  • Nicht jeder Randstreifen muss jedes Jahr vollständig zurückgesetzt werden.
  • Und nicht jede trockene Pflanzenstruktur muss im Herbst verschwinden.

Eine abschnittsweise Mahd kann dafür sorgen, dass Rückzugsräume erhalten bleiben.

  • Altgrasstreifen können über Winter stehen bleiben.
  • Böschungen können wechselweise gepflegt werden.
  • Heckenränder können mit breiten Saumstrukturen verbunden werden.

Und wo gemäht werden muss, kann das Schnittgut möglichst schonend entfernt werden, anstatt die gesamte Vegetation einschließlich vieler Kleintiere zu zerkleinern.

Solche Maßnahmen sind einfach.

Aber sie können für Insekten einen erheblichen Unterschied machen. Landwirtschaftliche Landschaft braucht wieder Übergänge Besonders wichtig sind solche Strukturen in landwirtschaftlich intensiv genutzten Räumen. Wo Ackerflächen bis unmittelbar an Wege oder Gräben reichen, wo Hecken fehlen und Grasstreifen regelmäßig kurz gehalten werden, verschwinden genau jene Übergangsbereiche, die für viele Arten eine besondere Bedeutung besitzen.

Der Brombeerspinner steht dabei stellvertretend für eine ganze Lebensgemeinschaft.

Neben ihm profitieren zahlreiche Schmetterlinge, Wildbienen, Käfer, Heuschrecken, Spinnen und andere Kleintiere von abwechslungsreichen Säumen. Auch Reptilien und Vögel nutzen diese Bereiche als Rückzugs- oder Nahrungsräume. Eine artenreiche Landschaft entsteht deshalb nicht allein durch große Schutzgebiete. Sie entsteht auch durch viele kleine Elemente dazwischen.

Klimawandel verändert die Bedingungen zusätzlich

Der Brombeerspinner muss sich heute jedoch nicht nur mit veränderten Nutzungsformen auseinandersetzen. Auch das Klima verändert seine Umwelt. Längere Trockenperioden, außergewöhnlich warme Frühjahre, intensive Hitzephasen und unregelmäßige Niederschläge beeinflussen die Vegetation und damit auch die Nahrungsgrundlage zahlreicher Insekten.

  • Pflanzen können früher austreiben und schneller vertrocknen.
  • Wiesen verlieren während längerer Hitzeperioden früher ihre Blüten und ihre krautreiche Struktur.
  • Böden können stärker austrocknen.
  • Entwicklungszyklen von Pflanzen und Insekten können sich zeitlich verschieben.

Dabei wird ein Punkt zunehmend wichtig:

Strukturvielfalt schafft Ausweichmöglichkeiten.

Eine kurz gemähte Fläche besitzt kaum unterschiedliche Kleinklimate. Eine strukturreiche Wiese dagegen bietet sonnige und schattigere Bereiche, hohe und niedrige Vegetation, offene Bodenstellen und geschützte Zonen. Unter dichter Vegetation kann die Temperatur in Bodennähe deutlich niedriger liegen als auf vollständig freigestellten Flächen. Gerade während extremer Hitze kann dies für kleine Tiere entscheidend werden.

Klimawandel und Landschaftsverarmung wirken gemeinsam

Der Klimawandel allein entscheidet nicht über die Zukunft des Brombeerspinners. Vielmehr kommt es darauf an, in welcher Landschaft die Art diesen Veränderungen begegnet. Eine vielfältige Landschaft bietet Möglichkeiten zur Anpassung. Eine ausgeräumte Landschaft bietet sie kaum.

Wenn klimatische Belastungen auf häufig gemähte Flächen, fehlende Säume, intensive Bewirtschaftung und den Verlust von Brachstrukturen treffen, summieren sich die Belastungen. Was für eine einzelne Art zunächst noch verkraftbar wäre, kann in Kombination zum Problem werden. Deshalb müssen wir Klimaanpassung und Artenschutz gemeinsam denken.

Eine Raupe als Hinweisgeber

Der Brombeerspinner gehört nicht zu den Arten, die im Mittelpunkt großer Artenschutzkampagnen stehen. Und vielleicht macht ihn gerade das interessant. Denn Naturschutz darf nicht erst beginnen, wenn eine Art unmittelbar vor dem Verschwinden steht. Viel sinnvoller ist es, Lebensräume bereits dann zu erhalten, wenn ihre typischen Bewohner noch vorhanden sind.

Die Begegnung mit einer Brombeerspinnerraupe kann deshalb auch als positives Zeichen verstanden werden.

Sie zeigt:


  • Hier gibt es noch geeignete Strukturen.
  • Hier existieren noch Bereiche, die nicht vollständig vereinheitlicht wurden.
  • Hier lohnt es sich, genauer hinzusehen und diese Qualitäten zu bewahren.

Was für uns ungepflegt aussieht, kann für andere Überlebensraum sein Vielleicht müssen wir dafür auch unsere Vorstellung davon verändern, wie Landschaft aussehen soll.

  • Ein stehen gebliebener Grasstreifen ist kein Zeichen mangelnder Pflege.
  • Eine trockene Hochstaudenflur ist nicht wertlos.
  • Eine Böschung mit Altgras muss nicht automatisch „aufgeräumt“ werden.

Und eine kleine Brache ist kein verlorener Raum. In vielen Fällen ist genau das Gegenteil richtig. Solche Strukturen sind Rückzugsräume. Sie ermöglichen Entwicklung. Sie schaffen Nahrung.

Und sie sorgen dafür, dass Tiere ihren vollständigen Lebenszyklus durchlaufen können.

Artenschutz in Franken® – den Lebensraum mitdenken


Für uns von Artenschutz in Franken® steht der Brombeerspinner deshalb beispielhaft für einen Naturschutz, der nicht nur einzelne Arten betrachtet. 

  • Wer eine Raupe schützen möchte, muss auch die Pflanze erhalten, von der sie lebt.
  • Wer einen Falter erhalten möchte, muss seine Entwicklungsstadien mitdenken.
  • Wer Insekten schützen möchte, darf Lebensräume nicht zu dem Zeitpunkt vollständig beseitigen, an dem sie scheinbar keine Funktion mehr besitzen.

Und wer biologische Vielfalt erhalten möchte, muss akzeptieren, dass eine lebendige Landschaft nicht überall gleich ordentlich aussehen kann.

Der Brombeerspinner benötigt keine perfekt gestaltete Natur.

  • Er benötigt etwas, das in unserer Kulturlandschaft zunehmend selten wird:

Zeit, Struktur und Bereiche, die nicht ständig verändert werden. Vielleicht sollten wir deshalb bei der nächsten dicht behaarten Raupe, die im Herbst langsam unseren Weg kreuzt, nicht nur für einen Augenblick stehen bleiben.

Vielleicht sollten wir auch den Blick heben.

  • Auf die Wiese.
  • Auf den Saum.
  • Auf die Böschung.
  • Auf die Landschaft dahinter.

Denn dort entscheidet sich, ob der Brombeerspinner auch künftig noch seinen Platz bei uns finden wird. Artenschutz beginnt für uns dort, wo wir nicht erst das selten gewordene Tier betrachten, sondern rechtzeitig den Lebensraum erhalten, der es trägt.

In der Aufnahme vom 02.10.2026
  • Brombeerspinnerraupen fallen besonders im Spätsommer und Herbst durch ihre dichte Behaarung auf.

Artenschutz in Franken®
Brombeerspinners (Macrothylacia rubi)
Bild zum Eintrag (1150331-160)
In der Aufnahme vom 02.10.2026
  • Wo Altgras, Säume und krautreiche Übergänge erhalten bleiben, finden auch Raupen wichtige Rückzugsräume.
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