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Weiße Federlibelle (Platycnemis latipes)
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Die Weiße Federlibelle (Platycnemis latipes)

  • Zwischen Schilf und Sonnenlicht – eine kleine Geschichte

Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens lassen den Tau auf den Halmen einer sumpfigen Wiese glitzern. Nebelschleier schweben über dem stillen Wasser eines kleinen Grabens. Nur das leise Summen der Insekten verrät, dass der Tag bereits begonnen hat. Auf einem schmalen Schilfhalm sitzt eine zarte Libelle. Ihre Flügel funkeln wie feines Glas, während ihre hellen Beine im Sonnenlicht beinahe weiß erscheinen. Vorsichtig hebt sie sich in die Luft, um lautlos über die Wasseroberfläche zu gleiten.

Unter ihr spiegeln sich Wolken und Bäume. Zwischen Wasserpflanzen tummeln sich Kaulquappen, Wasserkäfer und kleine Fische. Für einen Augenblick scheint alles vollkommen. Doch am Rand des Gewässers stehen schwere Maschinen. Der Bach soll begradigt, das Ufer befestigt und das angrenzende Feuchtgebiet trockengelegt werden. Die Libelle kennt keine Baupläne und keine Karten. Sie spürt nur, dass sich ihre Welt verändert.

Noch findet sie einen geeigneten Halm für die Eiablage. Doch wie viele Sommer werden folgen, in denen ihr Nachwuchs noch ausreichend Wasser, Pflanzen und Ruhe finden wird?

Die Geschichte dieser kleinen Libelle ist zugleich die Geschichte vieler Feuchtgebiete Europas – empfindliche Lebensräume, deren Zukunft immer stärker vom Menschen beeinflusst wird.

Die Weiße Federlibelle (Platycnemis latipes)


Die Weiße Federlibelle (Platycnemis latipes) gehört zur Familie der Federlibellen (Platycnemididae). Sie zählt zu den Kleinlibellen und zeichnet sich durch ihre elegante Erscheinung sowie ihre auffallend hellen Beine aus. Trotz ihrer Schönheit bleibt sie häufig unbemerkt, denn sie bevorzugt ruhige Gewässer mit dichter Ufervegetation und hält sich meist zwischen Gräsern und Röhricht auf.

Während andere Libellen mit kräftigen Farben beeindrucken, setzt die Weiße Federlibelle auf Zurückhaltung. Gerade ihre dezente Färbung macht sie zu einer der faszinierendsten Vertreterinnen unserer heimischen Libellenfauna.

Merkmale

Die Weiße Federlibelle erreicht eine Körperlänge von etwa 35 bis 40 Millimetern. Ihre Flügelspannweite liegt bei ungefähr fünf Zentimetern. Der schlanke Körper wirkt filigran und leicht. Besonders charakteristisch sind die deutlich verbreiterten, hell gefärbten Schienen der Beine. Diese federartigen Strukturen gaben der gesamten Familie ihren deutschen Namen.

Die Grundfarbe des Körpers variiert zwischen hellbraun, cremefarben und grau. Über den Hinterleib verlaufen dunkle Längsstreifen, die besonders bei den Männchen gut sichtbar sind. Die Augen erscheinen seitlich weit auseinanderstehend und schimmern meist grau bis bläulich. Die transparenten Flügel besitzen eine feine Aderung und liegen in Ruhestellung eng über dem Hinterleib.

Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen

Männliche Tiere wirken insgesamt kontrastreicher. Die dunklen Zeichnungen auf dem Hinterleib sind kräftiger ausgeprägt und die verbreiterten Schienen der Beine erscheinen besonders hell. Weibchen besitzen meist eine etwas unauffälligere Färbung mit bräunlichen Tönen. Dadurch sind sie zwischen Gräsern hervorragend getarnt.

Während der Paarungszeit lassen sich beide Geschlechter häufig gemeinsam an sonnigen Uferabschnitten beobachten.

Verbreitung

Die Weiße Federlibelle kommt hauptsächlich im südlichen und südöstlichen Europa vor. Ihre Verbreitung reicht über Frankreich, Italien und den Balkan bis in Teile Mitteleuropas. In Deutschland gilt sie als eher seltene Art mit regionalen Vorkommen, insbesondere in wärmeren Landschaften entlang größerer Flusssysteme.

Sie bevorzugt klimatisch begünstigte Regionen mit naturnahen Gewässern.

Lebensraum

Typische Lebensräume sind:


  • langsam fließende Bäche
  • Altarme großer Flüsse
  • naturnahe Gräben
  • Kanäle mit reichhaltiger Wasserpflanzenvegetation
  • flache Seen mit ausgedehnten Röhrichtbeständen
  • Feuchtwiesen mit angrenzenden Gewässern

Entscheidend ist eine gute Wasserqualität. Ebenso wichtig sind flache Uferbereiche, an denen Wasserpflanzen wachsen und sich die Larven entwickeln können. Die erwachsenen Libellen verbringen einen Großteil ihres Lebens in der Ufervegetation. Dort ruhen sie, warten auf Beutetiere oder suchen sonnige Plätze zum Aufwärmen.

Lebensweise


Die Flugzeit beginnt meist im späten Frühjahr und reicht bis in den Hochsommer. An warmen Tagen fliegen die Tiere bevorzugt während der Mittagsstunden.

Die Weiße Federlibelle ist ein geschickter Jäger. Kleine Fliegen, Mücken, Blattläuse und andere winzige Insekten werden im Flug erbeutet. Anders als viele größere Libellen unternimmt sie keine langen Jagdflüge. Meist sitzt sie auf Halmen oder Zweigen und startet von dort aus kurze, präzise Angriffe.

Nach erfolgreicher Jagd kehrt sie häufig an denselben Ansitz zurück.

Fortpflanzung

Während der Paarungszeit bilden die Männchen kleine Reviere entlang geeigneter Gewässer. Nach der Paarung legt das Weibchen seine Eier in Wasserpflanzen oder weiche Pflanzenteile knapp unterhalb der Wasseroberfläche ab. Aus den Eiern schlüpfen räuberisch lebende Larven. Diese verbringen meist ein bis zwei Jahre im Wasser.

Dort ernähren sie sich von kleinen Krebstieren, Mückenlarven und anderen Wasserorganismen. Erst nach mehreren Häutungen verlassen die ausgewachsenen Larven das Wasser. An Schilfhalmen oder Gräsern erfolgt schließlich die letzte Verwandlung zur flugfähigen Libelle.

Dieser Moment gehört zu den eindrucksvollsten Schauspielen unserer heimischen Natur.

Ein Meisterwerk der Evolution


Die Weiße Federlibelle wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Wer sie jedoch genauer beobachtet, entdeckt eine erstaunlich perfekt angepasste Jägerin.

Ihr geringes Gewicht erlaubt lautlose Flugmanöver. Die hellen Beine reflektieren das Sonnenlicht und verschmelzen optisch mit trockenen Halmen und Gräsern. Die feinen Flügel ermöglichen abrupte Richtungswechsel und präzise Landungen. Seit Millionen von Jahren hat sich diese Art an die dynamischen Lebensräume langsam fließender Gewässer angepasst. Jede Veränderung ihrer Umwelt stellt dieses empfindliche Gleichgewicht jedoch auf die Probe.

Die Weiße Federlibelle ist deshalb weit mehr als nur eine schöne Libelle. Sie ist zugleich ein wichtiger Indikator für den ökologischen Zustand unserer Gewässer und erinnert uns daran, wie eng das Schicksal vieler Tierarten mit dem Erhalt naturnaher Landschaften verbunden ist.

In der Aufnahme von Albert Meier
  • Männchen
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