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Wenn Hornissen Pflanzen „ringeln“
Bild zum Eintrag (1150068-160)
Wenn Hornissen Pflanzen „ringeln“

  • Eine eindrucksvolle Beobachtung an einem unscheinbaren Pflanzenstängel

Es ist eine jener Naturbeobachtungen, an denen viele Menschen vermutlich achtlos vorübergehen würden: Auf einem Pflanzenstängel sitzt eine stattliche Hornisse. Sie verharrt nicht, sondern arbeitet sich mit kräftigen Bewegungen ihrer Kiefer über die Oberfläche. Stück für Stück trägt sie die äußere Gewebeschicht ab. Zurück bleibt eine helle, deutlich erkennbare Stelle – eine Spur, die davon erzählt, wie geschickt dieses häufig verkannte Insekt natürliche Ressourcen zu nutzen weiß.

Die Aufnahme zeigt eine Europäische Hornisse (Vespa crabro) bei einem Verhalten, das als Ringeln oder Schälen bezeichnet wird. Mit ihren kräftigen Mundwerkzeugen, den sogenannten Mandibeln, nagt sie die Rinde beziehungsweise die oberste Gewebeschicht des Pflanzenstängels ab. Was auf den ersten Blick wie eine zufällige Beschädigung erscheinen könnte, ist in Wirklichkeit ein zielgerichtetes Verhalten.

Der Weg zum energiereichen Pflanzensaft

Erwachsene Hornissen benötigen für ihre anstrengenden Flüge und die zahlreichen Arbeiten innerhalb ihres Volkes vor allem energiereiche Nahrung. Zuckerhaltige Pflanzensäfte, Blütennektar und reifes Obst spielen dabei eine bedeutende Rolle. Durch das Benagen eines Stängels oder eines jungen Zweiges kann die Hornisse das darunterliegende, saftführende Gewebe freilegen. Tritt an der verletzten Stelle Pflanzensaft aus, wird dieser unmittelbar aufgenommen.

Besonders im Spätsommer und im beginnenden Herbst lassen sich Hornissen häufiger an solchen natürlichen Zuckerquellen beobachten. Zu dieser Zeit hat ein Hornissenvolk vielfach seine höchste Individuenzahl erreicht. Zahlreiche Arbeiterinnen sind unterwegs, versorgen die Brut, bewachen das Nest, beschaffen Baumaterial und decken ihren eigenen Energiebedarf. Jede zuverlässig erreichbare Nahrungsquelle gewinnt dann an Bedeutung.

Das Ringeln ist deshalb nicht als sinnlose Beschädigung einer Pflanze zu verstehen. Es ist vielmehr Ausdruck einer über lange Zeit entwickelten Anpassung. Die Hornisse nutzt ihre kräftigen Kieferwerkzeuge, um sich eine Ressource zu erschließen, an die sie ohne das vorherige Öffnen der Pflanzenoberfläche nicht gelangen könnte.

Pflanzensaft und Baumaterial – zwei unterschiedliche Nutzungen


Hornissen benötigen neben Nahrung auch große Mengen an Material für den Bau und die Erweiterung ihres Nestes. Hierfür schaben die Arbeiterinnen feine Fasern von abgestorbenem, verwittertem oder bereits weichem Holz ab. Das aufgenommene Material wird zerkaut und mit Speichel vermengt. So entsteht eine formbare Masse, aus der die charakteristischen papierartigen Waben, Nesthüllen und Verbindungselemente gefertigt werden.

Je nachdem, von welcher Holzart und von welcher Stelle das Material stammt, können im Nest unterschiedliche Farbtöne und feine Strukturen entstehen. Ein Hornissennest ist damit nicht nur eine bemerkenswerte Gemeinschaftsleistung, sondern zugleich ein aus vielen kleinen Materialportionen zusammengesetztes Naturbauwerk.

Ob die auf der vorliegenden Aufnahme abgetragenen Pflanzenfasern tatsächlich zum Nest transportiert wurden, lässt sich anhand eines einzelnen Bildes allerdings nicht sicher feststellen. Das sichtbare Bearbeiten des frischen Pflanzenstängels spricht in erster Linie für die Erschließung des zuckerhaltigen Pflanzensaftes. Die Beschaffung von Nistmaterial erfolgt häufig an anderen, bereits trockenen oder verwitterten Holzstellen. Beide Tätigkeiten zeigen jedoch, wie vielseitig Hornissen ihre Mandibeln einsetzen können.

Unverwechselbare Merkmale unserer heimischen Hornisse


Die Europäische Hornisse ist die größte in Deutschland heimische soziale Faltenwespenart. Auf der Aufnahme sind einige ihrer typischen Merkmale gut zu erkennen. Auffällig ist der kräftige, überwiegend rötlich braun gefärbte Brustbereich. Hinzu kommen die warmen Rot-, Braun- und Gelbtöne an Kopf und Beinen sowie der markant gelb-schwarz gezeichnete Hinterleib.

Gerade diese Färbung unterscheidet die Europäische Hornisse von zahlreichen kleineren Wespenarten. Ihr Erscheinungsbild wirkt kräftig und imposant. Doch die Körpergröße allein sagt nichts über eine besondere Angriffslust aus. Abseits ihres Nestbereiches sind Hornissen in der Regel nicht an einer Auseinandersetzung mit Menschen interessiert. Sie konzentrieren sich auf Nahrungssuche, Materialgewinnung und die Versorgung ihres Volkes.

Wie bei allen wehrhaften Insekten gilt dennoch: Abstand halten, das Tier nicht bedrängen und seine Bewegungsfreiheit nicht einschränken. Vor allem im unmittelbaren Umfeld eines Nestes sollten Flugwege freigehalten und Erschütterungen vermieden werden.

Ein leistungsfähiges Volk mit klarer Aufgabenverteilung


Ein Hornissenstaat besteht nur für eine begrenzte Zeit. Im Frühjahr gründet eine überwinterte Jungkönigin zunächst allein ein neues Volk. Sie sucht einen geeigneten Hohlraum, beginnt mit dem Bau der ersten Wabenzellen, legt Eier und versorgt die ersten Larven. Sobald die ersten Arbeiterinnen geschlüpft sind, übernehmen diese nach und nach die Nahrungsbeschaffung, den Ausbau des Nestes, die Brutpflege und dessen Verteidigung.

Im Laufe des Sommers wächst das Volk deutlich an. Nun sind täglich Arbeiterinnen in der Umgebung unterwegs. Während die erwachsenen Tiere ihren Energiebedarf vorwiegend über zuckerhaltige Flüssigkeiten decken, erbeuten sie zugleich zahlreiche andere Insekten. Diese werden zerkleinert und als eiweißreiche Nahrung zur Versorgung der Larven in das Nest getragen.

Hornissen stehen damit nicht außerhalb des ökologischen Gefüges, sondern sind fest darin eingebunden. Sie sind Jägerinnen, Nahrungskonkurrentinnen, Bestäuberinnen bei gelegentlichen Blütenbesuchen und zugleich selbst Bestandteil der Nahrungsketten. Ihre Anwesenheit zeigt, dass ein Lebensraum noch ausreichend Nahrung, Baumaterial, Rückzugsmöglichkeiten und geeignete Nistplätze bietet.

Eine oft verkannte ökologische Leistung

Die Europäische Hornisse wird noch immer häufig allein aufgrund ihrer Größe und ihres tiefen Fluggeräusches beurteilt. Dabei bleibt ihre ökologische Bedeutung meist unbeachtet. Ein aktives Hornissenvolk erbeutet während seiner Entwicklungszeit eine große Zahl unterschiedlicher Insekten. Darunter befinden sich Fliegen, Mücken, kleinere Wespen und weitere Arten, die zur Versorgung der Larven genutzt werden.

Aus Sicht von Artenschutz in Franken® verdient die Hornisse deshalb eine sachliche und respektvolle Betrachtung. Sie ist weder ein „Schädling“, der reflexartig bekämpft werden sollte, noch ein Tier, dessen Wehrhaftigkeit verharmlost werden darf. Entscheidend ist ein verantwortungsvoller Umgang, der sowohl die Bedürfnisse der Menschen als auch die Lebensweise der Hornissen berücksichtigt.

Viele Konflikte entstehen erst dann, wenn Nester unüberlegt gestört, Einflugöffnungen verschlossen oder Tiere direkt bedrängt werden. Wo ein Nest tatsächlich zu Problemen führt, sollte nicht eigenmächtig gehandelt, sondern fachkundige Unterstützung eingeholt werden. Häufig lässt sich bereits durch Abstand, eine vorsichtige Absicherung des Umfeldes oder eine zeitlich begrenzte Anpassung menschlicher Abläufe ein tragfähiges Nebeneinander erreichen.

Alte Bäume, Höhlungen und strukturreiche Lebensräume


Hornissen benötigen geeignete Hohlräume für die Anlage ihrer Nester. Natürliche Baumhöhlen, alte Spechthöhlen und andere geschützte Strukturen gehören zu ihren ursprünglichen Nistplätzen. In unseren vielfach aufgeräumten Landschaften werden solche Möglichkeiten jedoch immer seltener. Alte und höhlenreiche Bäume verschwinden, abgestorbene Baumteile werden vorschnell entfernt und vermeintlich unordentliche Strukturen beseitigt.

Fehlen natürliche Höhlen, nutzen Hornissen mitunter Ersatzstrukturen an Gebäuden, in Schuppen, Dachräumen oder geräumigen Nistkästen. Solche Standorte können zu unmittelbaren Begegnungen mit dem Menschen führen. Nicht jede Ansiedlung stellt jedoch automatisch eine Gefahr dar. Häufig bleibt das Nest unbemerkt oder kann bis zum natürlichen Ende des einjährigen Hornissenstaates an seinem Platz verbleiben.

Eine naturnahe Landschaft, in der alte Bäume, Totholz, Hecken, blütenreiche Säume, strukturreiche Gärten und ungestörte Rückzugsräume erhalten bleiben, kommt daher nicht nur der Hornisse zugute. Zahlreiche Vögel, Fledermäuse, Wildbienen, Käfer und andere Tierarten sind auf genau diese Strukturen angewiesen.

Veränderungen des Lebensraumes werden zur Herausforderung

Auch Hornissen reagieren auf die Veränderungen unserer Landschaft. Der Verlust alter Bäume, eine intensive Flächennutzung, der Einsatz von Insektiziden, blütenarme Gärten und die Beseitigung natürlicher Kleinstrukturen können das Angebot an Nahrung und Nistplätzen verringern. Hinzu kommen lang anhaltende Trockenperioden, extreme Hitze und starke Wetterwechsel.

Ein warmer Frühling kann die Aktivität der Königinnen früher beginnen lassen. Späte Kälteeinbrüche, Nahrungsmangel oder längere Schlechtwetterphasen können den Aufbau eines jungen Volkes dagegen empfindlich stören. Im Hochsommer kann große Hitze die Temperaturregulierung im Nest erschweren. Gleichzeitig verändern Trockenheit und der Rückgang vieler Insektenarten die Nahrungsgrundlage.

Nicht jede warme Witterungsphase ist für Hornissen automatisch von Vorteil. Entscheidend ist vielmehr, ob über die gesamte Entwicklungszeit hinweg ausreichend Nahrung, Wasser, Beutetiere, Baumaterial und geschützte Nistmöglichkeiten vorhanden sind. Klimatische Veränderungen wirken deshalb niemals isoliert, sondern treffen auf Landschaften, die vielerorts bereits stark an Strukturvielfalt verloren haben.

Genaues Hinsehen verändert die Wahrnehmung

Die hier festgehaltene Szene zeigt weit mehr als nur ein großes Insekt an einem Pflanzenstängel. Sie macht sichtbar, wie eng Verhalten, Körperbau und Lebensraum miteinander verbunden sind. Die kräftigen Mandibeln ermöglichen es der Hornisse, Pflanzengewebe zu öffnen, Holzfasern zu gewinnen, Beute zu bearbeiten und am Nestbau mitzuwirken. Jede dieser Tätigkeiten ist Teil eines komplexen Lebenszyklus, der sich innerhalb weniger Monate vollzieht.

Für Artenschutz in Franken® liegt gerade in solchen Beobachtungen ein besonderer Wert. Wer innehält und genau hinsieht, erkennt hinter einer vermeintlichen Beschädigung ein angepasstes Verhalten. Aus Unsicherheit kann Wissen entstehen, aus Ablehnung vielleicht Neugier und aus Neugier schließlich die Bereitschaft, einer vielfach missverstandenen Tierart ihren Platz zuzugestehen.

Die Europäische Hornisse braucht keine romantische Verklärung. Was sie benötigt, sind Wissen, Respekt und ausreichend Raum. Die Spuren am Pflanzenstängel erinnern uns daran, dass selbst kleine Veränderungen an einer Pflanze Teil eines größeren ökologischen Geschehens sein können. Natur schreibt ihre Geschichten nicht nur in großen Landschaften – manchmal genügen dafür eine Hornisse, ein Stängel und ein aufmerksamer Blick.

In der Aufnahme von Volkmar Greb am 29.09.2026
  • Mit ihren kräftigen Mundwerkzeugen öffnet die Europäische Hornisse (Vespa crabro) die äußere Schicht des Pflanzenstängels, um an den zuckerhaltigen Pflanzensaft zu gelangen.
Wenn Hornissen Pflanzen „ringeln“
Bild zum Eintrag (1150070-160)
In der Aufnahme von Volkmar Greb am 29.09.2026
  • Eine eindrucksvolle Naturbeobachtung von Artenschutz in Franken®: Selbst ein unscheinbarer Pflanzenstängel kann für eine Hornisse zu einer wertvollen Nahrungsquelle werden.
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