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Dreizehenmöwe
Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla)
Bild zum Eintrag (1143974-160)
Die Stimme der Steilküste: Die Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla)

Ein rauer Tag am Nordseefels 

Der Wind peitscht die Gischt mit voller Wucht gegen die roten Klippen von Helgoland. Die Luft schmeckt nach Salz, und das Tosen der Wellen ist ohrenbetäubend. Doch über dem Lärm des Meeres liegt ein anderer, fast rhythmischer Klang: Ein vielstimmiges, gellendes „Kitti-wäik, Kitti-wäik!“.

Auf einem winzigen, nur wenige Zentimeter breiten Felsvorsprung direkt über dem Abgrund sitzt eine Dreizehenmöwe. Sie trotzt dem Sturm, während sie ihr Nest aus Seetang und Schlamm mit den Füßen festtritt. Unter ihr bricht sich die Brandung, über ihr kreisen Hunderte ihrer Artgenossen. Für sie ist diese lebensfeindliche Steilwand die perfekte Kinderstube – ein Ort, den kein landgebundener Räuber je erreichen kann.

Artbeschreibung: Die echte Hochseemöwe

Die Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla) unterscheidet sich in ihrer Lebensweise drastisch von den bekannten Lach- oder Silbermöwen, die man oft an Stränden oder im Binnenland antrifft. Sie ist eine biologische Besonderheit.

    Erscheinungsbild: Mit einer Körperlänge von etwa 40 Zentimetern ist sie eine eher kleine, zierliche Möwe. Ihr Gefieder ist im Prachtkleid reinweiß, während die Flügeloberseite ein helles Schiefergrau zeigt. Ein markantes Merkmal sind die komplett schwarzen Flügelspitzen, die wie in Tinte getaucht wirken, sowie der leuchtend gelbe Schnabel und die dunklen Augen.

    Namensmerkmal: Ihren Namen verdankt sie einer anatomischen Reduktion: Die vierte, nach hinten gerichtete Zehe (Hinterzehe) ist bei ihr verkörpert oder fehlt völlig. Sie besitzt funktionell also nur drei Zehen, was eine Anpassung an das Leben an steilen Klippen darstellt.

    Lebensweise: Die Dreizehenmöwe ist die am stärksten an das offene Meer (pelagisch) angepasste Möwenart. Den Großteil des Jahres verbringt sie weit auf dem Atlantik und kehrt nur zur Brutsaison zwischen März und August an die felsigen Küsten zurück. Sie ernährt sich fast ausschließlich von kleinen Schwarmfischen und Krebstieren, die sie dicht unter der Wasseroberfläche erbeutet.

Lebensraumveränderung und Klimawandel: Das Meer gerät aus dem Takt

Als Bewohnerin des offenen Meeres und Spezialistin für kalte Gewässer reagiert die Dreizehenmöwe extrem empfindlich auf die globale Erwärmung. Der Klimawandel verändert ihre Perspektive dramatisch:

    Nahrungsmangel durch Erwärmung: Die steigenden Wassertemperaturen in der Nordsee und im Nordatlantik führen dazu, dass sich wichtige Beutefische wie der Sandaal in kühlere, tiefere oder weiter nördlich gelegene Gewässer zurückziehen. Für die Möwen wird der Weg von den Brutkolonien zu den Futterplätzen dadurch oft zu lang.

    Brutausfälle: Finden die Elternvögel nicht mehr genug Nahrung in erreichbarer Nähe, verhungern die Küken im Nest. In vielen europäischen Kolonien kam es in den letzten Jahren bereits zu katastrophalen, großflächigen Brutausfällen.

    Veränderung der Meeresströmungen: Durch die Verschiebung mariner Strömungssysteme verändern sich die Auftriebszonen, in denen Nahrung an die Oberfläche transportiert wird. Die Möwen verlieren dadurch verlässliche Jagdgründe, die sie seit Generationen nutzen.

Bedrohung und Schutzstatus

Die Dreizehenmöwe gilt weltweit und insbesondere in Europa als gefährdet. Ihre Bestände sind in den letzten Jahrzehnten drastisch eingebrochen. Die Hauptbedrohungen sind:

    Überfischung: Die industrielle Fischerei dezimiert die Bestände von Kleinfischen (wie Sandaal und Lodde), die eigentlich die Hauptnahrungsquelle der Seevögel darstellen. Der Mangel an mariner Biomasse trifft die Dreizehenmöwe existenziell.

    Plastikmüll und Umweltgifte: Wie viele Seevögel nehmen Dreizehenmöwen Plastikteile auf, die fälschlicherweise für Nahrung gehalten werden. Zudem reichern sich langlebige Umweltgifte (wie Schwermetalle) über die Nahrungskette in ihrem Fettgewebe an und schwächen die Fruchtbarkeit.

    Beifang und Offshore-Anlagen: Der Ausbau von Windparks auf offener See birgt das Risiko von Kollisionen, während Stellnetze der Fischerei immer wieder zur tödlichen Falle für tauchende Vögel werden.

Schutzmaßnahmen: Um die Dreizehenmöwe langfristig zu retten, sind strengere Fangquoten für die Industriefischerei, der Schutz von Schlüsselgebieten auf dem offenen Meer sowie die konsequente Eindämmung der Meeresverschmutzung unerlässlich.


Aufnahme von Klaus Sanwald
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